Sonntag 1.10. Hanoi

🦄 Ponypapers

Wir wechseln das Hostel, lassen unsere Ponyauswahl etwas sacken und beginnen eine entspannte Sightseeingtour. Um uns nicht übermäßig zu beanspruchen, verschieben wir die Eisenbahnstraße auf den Rückweg und laufen schnurstracks zum Literaturtempel.

Lili macht drei Fotos und sinkt halb bewusstlos auf die nächstbeste Bank. Dort ließe es sich bis zur Nacht aushalten. Adrian derweil bildet sich mithilfe der zahlreichen, informativen Museumstafeln und erfährt einiges über den konfuzianischen Schultempfel, der dies einmal war. Das wird er noch gebrauchen können, denn in einem Moment der Entspannung und des Durchatmens werden wir von einer Gruppe vietnamesischer Schulkinder überfallen. Zuerst führt nur Adrian Bildungskonversation über Konfuzianismus im allgemeinen und diesen Tempel im besonderen, dann werde auch ich von einem Jungen in ein Gespräch verwickelt, das glücklicherweise genau auf meinem Niveau verläuft: Whatˋs your name, where are you from? Whatˋs your favourite sport, subject, colour, animal etc. Erst stellt er die Frage und ich antworte, dann andersherum. Trotzdem würde sich meine Englischlehrerin im Grab umdrehen (ich weiß nicht, ob sie dort liegt, aber hoffe es), wenn sie wüsste, dass ausgerechnet ich dazu dienen soll, die mündlichen Englischfertigkeiten auch nur irgendeines Schülers zu „verbessern“. Danach kommen noch drei Mädchen in einer Gruppe und das Spiel begint von vorn, aber kürzer, es wird noch ein Foto gemacht und fertig.

Wie süß und höflich – sehr nett, denk ich wohl. 

Ein ganzes Weilchen später sehe ich eine Kindergruppe (es gibt verschiedene Altergruppen/Klassen ca. 10-15 Jahre), diese gehört zu den jüngeren (ca 12 Jahre), die sich auf die Stufen vor dem Tempel setzen, um sich auszuruhen. Da eilt schon die Lehrerin herbei, fasst eines der Mädchen am Arm – dort kläglicher Gesichtsausdruck – und zerrt es zu einer Touristengruppe. Wer noch nicht hat, der muss einmal – oh ein Graus, ein ganz persönlicher sich ins Gedächtnis einschweißender Alptraum wäre dieser Tag in meinem Schülerleben gewesen. Heftiges Mitleid überkommt mich. Ich gedenke meiner Englischlehrerin, spreche einen Fluch und spuck in Gedanken dreimal auf ihr Grab, dann wende ich mich ab und versuche mich in weiteren idyllischen Bildern der Tempellandschaft.

Später: Ho-Chi-Minh-Anlage. Die Ein-Säulen-Pagode. Mausoleum. Kaffee am See.

Der weite Weg zurück. Pause bei der Sportanlage. Adrian: Wir sind gleich da. Von wegen. Der lange Weg zurück. Schlafen. Essen (Sandwich), ruhige Beschäftigung bis 2 Uhr nachts. Mit Lachkrampf ins Bett.

🐾 Panthapapers 

Nachdem den Wassertropfen allmählich auch Stücke der Zimmerdecke folgen und auf uns nieder bröckeln, verlassen wir das Hotel und finden nach zahlreichen Komplikationen eine neue Unterkunft.

Nachdem wir unser massiges Gepäck durch die Hitze transportiert haben, besuchen wir den Literaturtempel, ein Gebäude des hiesigen Konfuzianismus. Beinahe 1000 Jahre lang haben sich hier Schüler und Meister gegenseitig gequält. Und selbst heute bitten mit plötzlich aufbrechender Frömmigkeit Schüler und Studenten um Hilf’ und Gnade bei der nächsten Prüfung.

Ein lokales Schulprojekt hat seine Pupilanten zum Englisch-Lernen hierher geschickt mit der Aufgabe, ausländischen Touristen in ein Gespräch zu verwickeln und ihnen zahllose Fragen zu stellen. Am Ende bin ich derjenige, der sich wie ein Prüfling vorkommt, spontan vor laufender iPhone Kamera gefragt, welche Lösungen ich für die Umweltprobleme dieser Welt vorschlage.

Schließlich entkommen wir der Halle der Wissbegierigen. Weiter zu Ho-Chi-Minh’s letzter Ruhestätte und zur Ein-Säulen-Pagode. Das erhellendste und erheiterndste sind die nahe gelegenen Schaubilder, die alltagspraktisch das Karma-Prinzip demonstrieren. Ursache – Wirkung. Nutzt du deine Hände, um böse Dinge zu tun, zum Beispiel mit einem Feuerzeug eine Frau anzuzünden (1. Schaubild), wirst du im nächsten Leben als ein Wesen ohne Hände wiedergeboren, z.b. als Schlange (2. Schaubild). Na dann, alles klar, oder?

Nach zähem, aber ehrenhaftem Kampf erreichen wir in den Abendstunden den Westsee, wo sich sogleich eine Schar Mücken (was haben die wohl in ihrem vorigen Leben verbrochen?) auf die geschwächten Opfer stürzt. Ausgedörrt und blutleer starren wir auf die Skyline dieser 8-Millionen-Metropole, wie sie sich funkelnd im Seewasser spiegelt. Wunderschön, aber wir sind fertig für heute.

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