Freitag 20.10. Fahrt nach Nui Deo

🦄 Ponypapers

50 km.

Bin sehr schlecht drauf. Viel Verkehr, fahre mit Mundschutz, der mir bei nächstbester Gelegenheit in den Dreck fällt. Habe starke Halsschmerzen und finde es enorm ungerecht. Zum dritten Mal! Dabei war ich so brav. Aber woran liegt’s? Wer ist schuld? Die hiesigen Klimaanlagen? Ein eingeschleppter Virus aus Deutschland? Die Tollwutspritzen? Die Abgase? Geheimer Krebs? Ich ahne es, es war der Deutsche auf dem Boot. Der mit den glasigen Augen und dem Husten. Und ich freute mich noch über all das Essen, das er nicht aß. All das Essen, das er behustete! 

Das werden die letzten Halsschmerzen gewesen sein, sag ich mir. Wenn ich sie noch ein einziges Mal bekomme, werde ich alle drei Antibiotika drüber kippen, die ich habe. Da kannste Gift drauf nehmen, droh ich der Krankheit.

Wir rasten an einer Art „Autobahnraststätte“, einem Café mit erstaunlich schicker Inneneinrichtung: Brokatsessel und Mahagonischnitzstühle und Mahagoischnitzkram und wie immer an den Rändern leicht aufgelöst – von Plastikkitsch, von Kratzern und fehlendem Staubgewische (ist genau so, wie wenn ich Staub wische, eben nur so die freien Flächen, an die man halt so dran kommt). Auf den Brokatsesseln wird uns dann von einer fröhlichen Frau sehr leckerer Tee serviert und die böse Laune schwindet. Wir nehmen noch einen Kaffee mit, ein Kind steckt uns Bonbons zu – dann gehts weiter. 

Bei der Überquerung eines Flusses mit Fähre stehen wir Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wenn ich aufschaue, gibt es kein Augenpaar, das nicht in meine blickt. Sie versuchen es gar nicht zu verbergen, na sowas. Irgendwer schneidet eine Frucht aus einem riesigen Büschel weiterer Früchte, die in großer Menge auf ein Motorrad gelagert sind. Ich ahne schon, was folgen wird. Die Frucht wird in meine Hand gedrückt und mir gezeigt, wie ich sie schälen soll. Ich kapier’s leider gar nicht, denn unter der grünen, harten Haut ist nur weitere faserige Schale. Adrian, nun ebenfalls mit so ner Frucht beschäftigt, zuckt nur ratlos mit der Schulter. Schließlich beiße ich das Teil auf und ein Stück vom Kern ab. Die Leute kommentieren, jemand gibt mir einen Rat. Das klingt so, als sollte ich das Innerste nicht essen. Und dass wär auch verständlich, denn es schmeckt wirklich widerlich bitter und ich brauch all meine Selbstbeherrschung, um mit neutralem Gesichtsausdruck nach einem weiteren Happen des Innersten zu haschen. Was sollte man sonst essen? Rundherum nur die fasrige Schale. Aber die Qual sollt man nicht verlängern, der Rest des weichen „Kerns“ verbreitet seine Bitterstoffe im Rachen. Rasch schlucken. Nun will man mir verständlich machen, Wasser in den Mund zu nehmen und ins Meer zu spucken. Alle scheinen köstlich amüsiert. Hat man uns Drogen gegeben? Da man weiter darauf insistiert, befülle ich meinen Mund mit Wasser und spucks aufs Meer. Von Adrian wird diese Prozedur nicht verlangt. Aus der Gestik der einen Frau leite ich ab, dass ich ohne Wasser ausspucken müde werde. Kaum sind wir auf der anderen Seite angekommen, bedanken wir uns lächelnd, den Kopf auf und ab nickend bei den anderen und schwingen uns schnell auf die Räder, bevor wir noch so nen halben Busch mit den widerlichen Früchten werden kaufen müssen. 

Nach einem eingehenden Gespräch mit Google am Abend erscheint es mehr als wahrscheinlich, dass wir Betelnüße gefuttert haben, die ohne die weiteren richtigen Zutaten einfach gar nichts bringen – außer Mundhöhlenkrebs irgendwann.

Aus Rücksichtnahme auf Halsschmerzlili fahren wir nur in einen Vorort von Haiphong und beziehen ein Hostel mit Verhandlung, geführt von Vater & Sohn. Dass es stundenweie vermietet wird, stimmt Adrian skeptisch. Während ich mich auf’s Bett sinken lasse, warnt er davor, mit diesen Laken zu sehr auf Tuchfühlung zu gehen. Abends besuchen wir die vielbefahrene Hauptstraße mit ihren Geschäften und Essensbuden. Es gibt viele Schuhgeschäfte – naja zu spät für Sandalen. Dafür aber: Suppe mit gebratenem Fisch. Zarter Barsch. Der Hammer! Nur, dass man das leckere, knusprige Teil in die Suppe werfen muss, kann ich nicht verstehen.

Zurück: Ich hau mich sofort ins Bett. Adrian schreibt. Ich nieß noch ein paar Mal, dann bin ich weg.

🐾 Panthapapers 

Endlich wieder auf der Straße und hurtig unterwegs. Leider geht es Lili erneut nicht so gut. Wir bleiben in einem etwas zwielichtigen Hotel hängen, das seine Zimmer auch stundenweise vermietet. Zum Glück haben wir unsere eigenen Tropen-Schlafsäcke und aufblsbare Kissen dabei. Lili schlummert schon, ich sitze noch schreibend im Badezimmer-Licht, als ein hastig klickend krabellendes Geräusch neben mir zu hören ist. Sieh an, eine riesige Kakerlake auf ihrem Abendspaziergang. Ich stülpe, was zur Hand, d.h. den Zahnputzbecher über sie. Taktaktak im Kreis.

Das Licht bleibt besser mal an. Es wird eine unangenehme Nacht voll verstörender Träume. Immer wieder meine ich, aus finsteren Ecken Taranteln hervor staksen zu sehen oder zu hören, wie sich der eklige Untermieter aus seiner Hygiene-Zelle befreit, um gleich mit massenhafter Verstärkung einen Rachefeldzug Richtung Bett zu unternehmen. Lili schläft tief, fest und ahnungslos, aber nicht genug, um zu gesunden, und so sehn wir beide etwas bleich und kränklich aus am nächsten Morgen.

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