Samstag 21.10. Fahrt Richtung Thai Binh

🦄 Ponypapers

Unterwegs 70 km.

Nächster Morgen. Wir packen. Adrian kann’s kaum erwarten. Er hatte ne üble Nacht. Nachdem er noch ne Kakerlake gefunden und unter ein Glas gesperrt hatte, war ihm das Hostel nicht mehr geheuer. Was da alles in den Laken drunter & drüber krabbelte & sabbelte war nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen. Was ihm da vermutlich gerade noch fehlt, ist eine speichelnde, schnupfende Freundin. Vermutlich … hält sich unser jeweiliges Mitleid in engen Grenzen.

Los wollen wir dennoch beide. Adrian weg von hier, ich von meiner Krankheit. Bloß nicht in engen Hotelzimmern sitzen, wenn mich Megawatt vorwärts ziehen kann. 

Nun aber dürfen wir den Verkehr der drittgrößten Stadt genießen und der ist nicht gerade schüchtern. Hustenbonbons natürlich fern in unterster Tasche, Mundschutz schon lange fort. Die nächsten zwei Stunden nippen wir am Auspuff unseres Vordermanns.

Gegen Nachmittag der Beschluss, ein Hostel zu suchen und Knack, Peng erwischt es den Voderreifen von Calli. Nur 15 min entfernt von einer Fahrradwerkstatt. Aber da wir nicht in der Verfassung für Verhandlungen sind, beginnt Adrian unter den zunehmend neugierigen Blicken die Reperatur: „Da vorne, da vorne – ist eine Fahrradwerkstatt“ für diesen hilfreichen Rat halten die Mopeds reihenweise. 

Aber da – Schlauch geflickt, kein zweites Loch zu entdecken. Wieder eingespannt und ppffft – geht die Luft wieder raus. Erneutes Ausbauen, ich such die Fahrradwerkstatt auf, um einen Schlauch zu erstehen, und wegen Ventildiskussionen geht Adrian in die zweite Verhandlungsrunde. Schon als ich wiederkam hatte sich ein hilfsbereiter Vietnamese eingefunden und eingerichtet zu bleiben bis zur endgültigen Problemlösung. Kurze Zeit später hält ein weiterer Mopedfahrer, die beiden tauschen Informationen zum Stand der Dinge. Nun, wenn da schon zwei stehen, bei diesen komischen Touristen, kann man ja mal nachschauen, denkt sich wohl die vietnamesische Familie, an deren Gartenzaun die komplizierte Operation begonnen hat. Nach ersten schüchternen Blicken ist alles um uns belebt: Frau, Mann, Sohn, Enkeltöchterchen „Hello, Hello“, ein paar Halbwüchsige, zwei weitere Motorradfahrer, einer davon mit Tochter, stehen um Adrian herum, der am Boden mit dem Reifen kniet. „Das dauert doch einfach zu lange“, beschließt der zuerst gekommene Zweiradfahrer, nimmt Adrian das Vorderrad aus der Hand, um es noch schneller zu bereifen.

Große Freude bei den Vietnamesen. Nicht nur die kleine Freude bei der Panne eines Fremden, so eines netten, aber etwas dummen Touristen, nein dazu ein kleiner Schwatz mit den Nachbarn, das einvernehmliche Nicken einer Gruppe, die sich verständigen kann, und dann die größere Geschicklichkeit, die über das Tun des Einzelnen hinausreicht, sich erstreckt auf die Gruppe der Anwesenden – da sind wir alle sicher – vielleicht sogar der Nation!

Dennoch ohne jede Böswilligkeit, man mag gerade ein wenig mitlachen über diese beiden lustigen, vielbepackten Ausländer auf Fahrrädern! Ja, tatsächlich auf Fahrrädern! Wie Kinder! Die Freude des Helfens, der geteilten Erfahrung, des Lächelns stiftet auch ein Band zwischen uns und ihnen. Naheliegend, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen (nur klopft man einem Vietnamesen nicht auf die Schulter. Bitte schön! Etwas Anstand hier!) und einen heben gehen.

Helm aufgesetzt und aufs Rad geschwungen, ein zügiges Byebye, da lädt uns der Mann, der mit der Tochter und die Tochter mit dem Hunderucksack (nicht mit Hundemotiv, sondern einem Hund im Rucksack) dazu ein, bei ihm zu übernachten. Und was will man mehr als in der Fremde die Fremden nach bestem Wissen und Gewissen kennen zu lernen? Bei soviel Adrenalin und Freundlichkeit habe ich meinen Schnupfen komplett vergessen.

Zugesagt und wir fahren die drei Kilometer hinter ihm her zum Haus. Dürfen im Zimmer der Tochter schlafen, die auch ganz euphorisiert vom Besuch uns Löcher in den Bauch fragt. Sie ist acht Jahre alt, spricht fließend Englisch, ein Kinderzimmer in der Mädchennote Rosa: Schulbücher und Kuscheltiere. An der freien Wand – ihre Zeugnisse gerahmt. Sehr praktisch so ein kleines Wesen, das über jedwede Schüchternheit erhaben ist.

Für Papa und die bald eintreffende Mama spielt sie die Übersetzerin, sich ihrer Machtposition durchaus bewusst. Adrians Sorge wegen dem Essen – er werde wohl zunächst das Essen verspeisen, dann die Tocher und anschließend den Hund – erweist sich als unbegründet. 

Es gibt soviel Essen, dass wir beim Nachtisch: frisch geröstete Maiskolben in Butter (woran ich da nur denke?) und Bittermelone einfach kapitulieren.

Es folgt der Spaziergang, äh Spazierfahrt (2 km) zum Deich der Küste. Da man aber nichts sehen kann, vor allem nicht das Meer, werden wir zum Kaffee eingeladen (5 km).

Leider prügelt jetzt der Schnupfen mit voller Macht und ergänzenden Kopfschmerzen auf mich ein. Während meine Nase also so im Sekundentakt vor sich hin tropft, muss Adrian komplett die Konversation mit Vater, Mutter, Tochter und Übersetzer übernehmen. Abends fallen wir erschöpft ins Bett und würden ja gern schlafen, aber da hindert Geschniefe & Gerotze, Halsbonbons & Nasenspray und es hätte ja vielleicht trotzdem geklappt, wenn ich nicht versucht hätte, die Klimaanlage ein klein wenig kühler zu stellen. Nun blässt sie mit vollem Einsatz, kein Knopf will helfen. Nach allerlei Versuchen inklusive Platztausch im Bett usw. usf. schalte ich sie aus und so dünsten wir die Nacht im eigenen Schweiß schlaflos vor uns hin.

🐾 Panthapapers 

Übermüdet wegen der unruhigen Nacht. Schlecht reagiert und schon ist da die Bordsteinkante. Ein Teil des Pedals bricht ab und der Reifen hat ein Loch. Das hat nocch gefehlt, wegen der Brutalo-Reperatur des Motorrad-Mechanikers neulich knackt und knirscht Calli sowieso schon bei jeder Umdrehung. Hilft nichts, also mach ich mich ans Reifenflicken. Erster Versuch geht fehl, alles noch mal von vorn, zweiter Versuch hält auch nur kurz. Zu Hause hat das immer gut funktioniert. Mittlerweile sind auch schon genug Passanten stehen geblieben, die dem dummen Europäer beim Schwitzen zusehen möchten. Alle haben Zeit. Schließlich ergattert Lili in der Nähe einen neuen Schlauch. Und zuletzt packt einer der Umstehenden auch noch kräftig mit an. Das Publikum ist glücklich, man grinst und lacht zufrieden, man bekam was geboten. Ein freundlicher Motorradfahrer mit Tochter läd uns ein, die Nacht in seinem Haus zu verbringen.

Wir folgen und werden herzlich von der Familia Anh aufgenommen, lernen dort die Gattin bzw. Mutter kennen. Und während man Wundervolles für uns zubereitet, sorgt das Töchterchen ganz fit im Englischen mit tausend Fragen und tausend Antworten für Unterhaltung. Wir schlafen in ihrem Zimmer und werden noch zu Tee und Frühstück am nächsten Morgen in ein Restaurant eingeladen.

Alles das ist unvorstellbar freundlich. Man kommt nicht umhin, sich die Situation umgekehrt vorzustellen. Das Freundlichste, das einem Ausländer in Deutschland passieren kann, ist ignoriert zu werden. In weiten Teilen Bayerns wird einem zweifellos schwer unterdrückte Feindseligkeit entgegenschlagen, in Sachsen etwa wird sie nicht mal mehr unterdrückt. Mit einer anderen Hautfarbe und viel Gepäck auf einem Fahrrad durch unser Land? Man wird es wohl überleben, aber gewiss wird einen keiner spontan in sein Heim einladen, mit Speisen und Freundlichkeit beschenken, im Kinderzimmer übernachten lassen, zum Frühstück in ein Restaurant führen und dann frohgemut zum Abschied grüßen.

Ob sie Geld möchten?, fragen wir. Nein. Ob wir sie einladen können? Nein. Ob sie uns in Deutschland mal besuchen kommen möchten? Herr Anh lacht nur, das wird eh nicht passieren. Aber wenn wir in Vietnam bei irgendetwas Hilfe brauchen, sollen wir uns an ihn wenden. Wo er kann, sagt, er, wird er helfen.

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