
🦄 Ponypapers
Brav starten wir in der Dunkelheit noch vor sechs Uhr und suchen im nächsten Ort nach der Fähre. Google führt uns in ein Slumgebiet & lässt uns dort allein. Hier gibt’s keine “Hello, hello” und kein Winkewinke. Die Blicke sagen klar und deutlich, dass wir mit unseren Blicken hier nichts verloren haben und uns schleunigst verpissen sollten.
Adrian verbietet mir ein Foto von den dortigen Pfahlbauten zu machen, dabei sieht alles so schick romantisch aus mit den schiefen Holzbrücken und den abgeschlagenen Türrahmen, der rostroten Erdfarbe, die bis in den ersten Stock alles mit ihrem Hauch von Vergänglichkeit überzieht und Ton in Ton tunkt. Von alten Kleidern, über Plastikmüll bis hin zu Bauschutt & Holzlatten.
Bei so helllichtem Tageslicht wird man uns doch nicht verprügeln & außerdem ziehen wir mit unserer Ratlosigkeit tatsächlich hilfreiche Seelen an. Während ich mir ein Foto von den Pfahlbauten verkneife, will uns eine Frau bereits für einen kleinen Betrag auch gern selbst übers Wasser bringen und ein Mann weist uns, bevor dies geschehen kann, den Weg zu den offiziellen Fähren. Wir fahren noch ein ganzes Weilchen planlos auf und ab, bevor wir endlich auf dem Schiff landen, aufs Wasser starren und wissen, für diesen Tag haben wirs schon geschafft.
Wir müssen uns nicht mal zwischen Mappy (kleine Straßen) und Google (große Straßen) entscheiden, denn es soll nur eine einzige Strecke geben, die geraden Wegs direkt zu unserer Herberge führt (noch 65 km). Wir sind dann gute 20 km geteerten Wegs gefahren, da beginnt zu unserem Leidwesen eine Lehmstraße, die bald zu einer Schotterstraße wird – die man auch Schotterschlaglochsandstraße nennen könnte.
Auch den wagemutigen Kambodschanern genügt sie auf Dauer nicht den gewachsenen Ansprüchen, weshalb man entschieden hat, etwas zu unternehmen. Das “Etwas” gestaltet sich für uns als Lastwagenkolonne, die auf dem Hinweg mit Schotter uns entgegenkommt & auf dem Rückweg leer – ich möchte sagen – vorbeibrettert – aber das wäre nicht ehrlich: Die Lastwagen müssen wegen der Schlaglöcher auch Schlangenlinien fahren.
Was ich vergessen habe zu erwähnen: Die Straße ist auf einem Damm, es gibt keinen Schatten, nur Gräben nebendran & wir haben Gegenwind. Nach guten 1 ½ Stunden beschließe ich Adrian seinem Sonnenschicksal zu überlassen & schalte Megawatt in den ersten Gang, also 15 km/h. Mit diesem jage ich förmlich über Schotter & Schlagloch, versuche mich zu retten, indem ich meinen Hintern opfere.
Nach 35 km flüchte ich mich in den Schatten eines plötzlich auftauchenden Rastplatzes, warte & winke schließlich Adrian herbei. Der muss ungefähr mein Spiegelbild sein: Rotes Gesicht, nasse Klamotten & über & über mit rotem Staub bedeckt. Immer wenn ein Lastwagen kommt, folgt ihm eine rote, nebelige Staubwolke, die Sicht und Atem nimmt. Mit klebrigen Fingern stürzen wir uns auf die Keksvorräte und schütten literweise Wasser hinterher.
Dann drücke ich Adrian einen aufmunternden Kuss auf die Wangen, schwinge mich auf Megawatt und entschwinde seinen Blicken, derweil Megawatt tüchtig ins Schwitzen gerät. Aber ich kann keine Rücksicht auf meinen Gaul nehmen, jage mit 15 km/h weiter, bis, ich sehe schon den Rand der Asphaltstraße, diesmal ich bin mir sicher, keine Fata Morgana wie zuvor die Male, aber die Rettung kommt für Megawatt zu spät. 200 m vor dem Asphalt und es gibt kein Watt mehr. Mit drögen 5 km/h kracksel ich weiter, bis Adrian mich einholt und wir uns schließlich japsend in ein Café retten.
Leises Kichern bei den Mädchen, während sie uns rettend kalten Orangensaft eingießen. Adrian lässt mir den Vortritt zum Frischmachen und ich sehe die Bescherung mit eigenen Augen. Nun, diese braunen Streifen im Gesicht – mit Handwischen hier verteilt & dort konzentriert, die können wirklich niemanden gut stehen. Ja, ich würde ja gern zum Beweise und allgemeiner Belustigung ein Foto reichen, aber ich zweifle und zweifle, ich glaub, es ist nicht schlau, Google mit Fotos von braunen Gesichtsstreifen zu füttern…
🐾 Panthapapers
Was für ein Tag. Er beginnt mit der zähen Suche nach der Fähre über den Tonle Sap. Eine Anlegestelle ist nirgends auszumachen. Google und Mapy führen uns zielsicher in eine Sackgasse. Freundliche Leute schicken uns in die eine Richtung, andere freundliche Leute in die entgegengesetzte. Manche sind der Meinung, dass hier keine Fähre fährt, und wieder welche wollen uns ihre ganz privaten Fährdienste verkaufen. Am Ende, nach viel Hin und Her im Wortsinn, entdecken wir die Fähre selbst, wie sie an ein paar unscheinbaren Metern Ufer hält und auflädt.
Viel von der kühlen Zeit des Morgens ist damit vergangen. Für die folgenden heißen Stunden dürfen wir uns die einzige Straße jenseits des Flusses vornehmen. 40 Kilometer lang roter Staub und Schlaglöcher, immer wieder ein vorbei donnernder LkW, der ganze Wolken von Dreck in die Höhe katapultiert. Die Sonne hat gegenüber gestern noch ein paar Grad drauf gelegt. Schatten ist nirgendwo zu sehen.
Und Klappercalli fängt nach einigen größeren Löchern auch noch an zu humpeln. Für solche Strapazen ist er nicht gebaut. So eiert nun sein Hinterrad bei jeder Umdrehung mit dem größtmöglichen Spiel nach Links und Rechts. Wir beide wanken mischugge unter der Äquator-Hitze auf den Spuren des vorausgestampften Megawatt durch die Landschaft.
Um mich abzulenken, höre ich Thomas Bernhard’s “Alte Meister” und muss jedes Mal seufzen, wenn vom Kunsthistorischen Museum in Wien die Rede ist, in dem „ganzjährig die perfekte Temperatur von 18 Grad Celsius” herrscht.
Ich habe große Angst, der nächste Meter könnte der letzte sein, Calli das Genick brechen und mich die vielen restlichen Kilometer zu Fuß mein kaputtes Ross schieben lassen. Kein Dorf nirgends. Nach einer schlichtweg endlos wirkenden Etappe, als ich schon den Glauben verliere, dass diese Straße je in eine andere münden wird, erreichen wir tatsächlich die große Schneise aus Asphalt, diesem grau-gleichmäßigem Geschenk unserer Vorväter, und Calli darf darauf mit seinem labilen Hinterteil in die nächste Oase humpeln. Mit dem Glück der Überlebenden gesegnet brechen wir traumlos im Hotel zusammen. Was für ein Tag.
