Mittwoch 3.1.2024 Fahrt nach Kompong Chhnang (75 km)

🩄 Ponypapers

Trotz des breiten Seitenstreifens hat keiner von uns Lust auf die Schnellstraße und so sind wir bereit uns von Mapy durch die Pampa fĂŒhren zu lassen.

Nach angenehmen 10 – 15 km auf geteerten Wegen gehts dann auch wirklich durch die Pampa, lehmhĂŒgelige Straße und versandeter Weg. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 15 km/h gestaltet sich auch dieser Morgen zu einem Wettlauf mit der steigenden Sonne.

Links & rechts erstrecken sich weit & flach die Reisfelder und manchmal auch nur die karge Ebene selbst mit dem GestrĂŒpp und den Palmen, die zu dieser Jahreszeit durstig um ihr Überleben kĂ€mpfen. 

Ich denke zurĂŒck an die Überlegungen von gestern, an die Museumsbesuche und die nĂ€chsten Fragen, die schon in den Startlöchern stehen. 

Was ist der Zweck von Museen? Dass sie Menschen bilden, bereichern oder empor heben zu einem diffizileren Genuss, oder auch, dass sie moralisch erziehen, dass sie abschrecken & fordern, solchesgleichen soll nie wieder geschehen. Denn so ein Genozidmuseum ist ja von einer ganz anderen Art als die bereits erwĂ€hnten. Hier geht es nicht um Schönheit und GrĂ¶ĂŸe, sondern um das HĂ€ssliche und, so man will, um eine umgekehrte GrĂ¶ĂŸe, eine, die, es mag nicht verwundern, dass einem hier nur theologisches Vokabular auf der Zunge liegt, Herz und Hirn nicht nach dem Himmel strecken lĂ€sst, sondern in die Hölle senkt. 

Diese Hölle will das Museum gegenwĂ€rtigen und heraufbeschwören vor dem natĂŒrlich angemessenen moralischen Bewusstsein. Den Toten, deren zerschundene Körper und zerquĂ€lten Seelen hier ihr Ende fanden, soll noch einmal gedacht werden, selbst wenn uns ihre Namen fehlen & ihre Biographien von der Erde getilgt sind und diejenigen, die sich hĂ€tten erinnern können, gleichfalls hier ihr Ende fanden.

Herausgerissen aus dem Luxus einer satten und nicht gefolterten Existenz sollen wir: Mitleid haben. Einen Selbstappell formulieren: “Niemals Folterknecht sein”, “Lieber sterben als gehorchen”, “lieber sich umbringen”, — “lieber Gefolterter sein (?)” Oder auch die Weisung mitnehmen, die wir unseren Kindern als Imperativ weitergeben können, und nicht zu vergessen, dass — Bildung und Erziehung (?) vonnöten sind, um den menschlichen Hang zur pervertierten Grausamkeit unter Kontrolle zu halten. 

In den Killing Fields erinnert praktisch nichts an die einstige Grausamkeit. Diejenigen, die danach kamen, nahmen alles mit, was nicht niet- & nagelfest war, die bĂ€urischen Mordinstrumente, die wieder ihrer frĂŒheren Bestimmung dienen wĂŒrden sowie die Holzlatten, mit denen man neue UnterkĂŒnfte wĂŒrde bauen können. Alles wurde von der einfachen Bevölkerung durchstöbert, entsetzt wichen sie dann vor den GrĂ€bern zurĂŒck – von denen man nichts wusste (?). 

Eine Parkanlage mit BĂ€umen, BĂ€nken, einem See. Ein paar GlaskĂ€sten: “Hier liegen die Binden, mit denen man den Gefangenen die Arme fesselte und die Augen verband”, “hier die Axt, die zum Morden diente”, “hier KleidungsstĂŒcke, darunter die von Kindern” und “ZĂ€hne und Knochen”. Eben das, was die Erde von Zeit zu Zeit an die OberflĂ€che spĂŒlt. 

Auf dem Rundweg werden wir vom Audioguide begleitet, der uns erzĂ€hlt, was hier einmal war: Der Parkplatz, das GefĂ€ngnis, die Grube, der Killing Tree. 

Die schrecklichen Details: “Weil man Kugeln sparen wollte,
”, “das letzte, was sie hörten war die fröhliche Propagandamusik
”, “eine Frau erzĂ€hlt nun von ihrer Vergewaltigung
”. Vor und hinter uns andere Touristen mit betroffenen GesichtsausdrĂŒcken, lauschend, so wie wir. 

Sonne, Hitze & Stehen tun ihr Übriges, dass man sich nach einer Weile ganz schummerig fĂŒhlt, man könnte fast sagen – geschunden.

So traurig – so traurig, aber trotzdem gibt’s gleich Kaffee und Mittagessen und wir können uns unsere betroffenen GesichtsausdrĂŒcke sparen. NatĂŒrlich können wir auch als zart veranlagte Naturen behaupten, nun seien wir gar nicht mehr hungrig, geschweige, dass wir in der Lage wĂ€ren zu essen. PietĂ€tvoll können wir die nĂ€chsten Nachmittagsstunden mit melancholisch schmerzhaftem Gesichtsausdruck auf einer Bank im Schatten verstreichen lassen. Morgen schon bestimmt wird uns der Alltag, oder in diesem Fall der Urlaubsalltag, einholen und von den Killing Fields bleibt nur ein kleiner Bericht fĂŒr die Anverwandten zuhause: “Schlimm, schlimm, was Menschen sich alles antun können.” Wir Deutschen wissens genau.

Ist ein Museumsbesuch der Killing Fields nicht auch eine Art der Unterhaltung? Die schaurigen Details, die unangenehmen GefĂŒhle, von denen man sich spĂ€ter nur umso genĂŒĂŸlicher abwenden kann? Oder noch boshafter ausgedrĂŒckt: Komplementiert unser Besuch in einem Museum des Schreckens nicht unseren seicht luxuriösen Urlaubsaufenthalt? Der Emotionshaushalt des Menschen scheint doch ein wenig auf Kontraste angelegt, auf gleichsam hohem Niveau sinkt unsere Zufriedenheit, kriegen wir uns in die Haare, wachsen die AnsprĂŒche an das Personal. Aber sich selbst einmal freiwillig in Unangenehmes tunken kann die Allgemeinstimmung doch ungemein heben – wer weiß, welchen Ehestreit man sich damit gespart hat. Seltsam befriedigt, wie nach einem wirklich traurigen Drama und Kinobesuch, wenden wir uns mit einem letzten Seufzen der lauen Sommernacht zu.

Wenn es aber gar nicht darum ginge, mitzuempfinden, mitzuleiden, ergriffen zu werden – so bliebe (vielleicht) noch der “Bildungsauftrag” und der moralische Appell des “Nie wieder” (?).

Man hat viel Zeit nachzudenken, wenn man nur 15 km/h fahren kann, möchte man denken. In Wirklichkeit ist die Denkzeit stark limitiert. Und dann denkst du nur noch “Wann zum Henker kommt der nĂ€chste geteerte Weg?”. Das Denkvokabuar kennt so wenig PietĂ€t. Man mĂŒsste sich schĂ€men. Gut, dass keiner (oder sollte ich an dieser Stelle schreiben, noch keiner) unter die SchĂ€delplatte schauen kann & sehen, was da alles herumflattert. Inzwischen springt die Messung der noch zu bewĂ€ltigenden Strecke von 32 auf 42 km. Heut Abend wird es Tomatensaft geben, zumindest kein Zweifel daran.

đŸŸ Panthapapers

Staubige, steinige Wege, Sonne und Gegenwind erschweren uns heute die Fahrt. Wir wollten nicht die breite, ausgebaute Straße nehmen, sondern das Hinterland kennen lernen, und bekommen, was wir verdient haben. Megawatt ist sich oft nicht sicher, wieviel Power genau er noch ĂŒbrig hat, und so schwankt sein Verhalten zwischen Menetekeln baldigen Zusammenbruchs und hoffnungsfrohem Wiehern. Lili scheint es manchmal ebenso zu gehen, und auch ich fĂŒhle mich gelegentlich schwach. 

Um die Finanzen stabil zu halten, kehrten wir nun nach den Feiertagen wieder zu strengem Sparzwang und ich daher zur guten, altbewĂ€hrten Oreo-DiĂ€t zurĂŒck. Oreo-Kekse sind hitzeresistent und bieten das beste Kalorien-pro-Dollar-VerhĂ€ltnis, wĂ€hrend sie dem Magen noch genug Verdauungsmasse bieten (im Unterschied zu Softdrinks), um ihm den Eindruck zu vermitteln, er hĂ€tte etwas Nahrhaftes gegessen.

Dennoch muss auch ihr Verzehr sorgfĂ€ltig im Tagesablauf platziert werden, um effektiv möglicherweise aufkommende HungergefĂŒhle zu verhindern. Manchmal aber, wie heute, gelingt das nicht. Ein Keks zur falschen Zeit oder zuviele Kekse und infolgedessen Inventarleere und Keksmangel können furchtbare Folgen zeitigen. ErbĂ€rmliches Jammer-Wiehern. DafĂŒr, wie gewollt, lernen wir ausgiebig das weite, weite Hinterland kennen. Man sollte aufpassen, was man sich wĂŒnscht.

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