
🦄 Ponypapers
Meine kleine Crew gut im Blick weiß ich natürlich, dass Calli mal wieder schwächelt. Das sich nach rechts und dann links reckende Hinterteil will nicht verführerisch auf die Stutenwelt wirken (jedenfalls nicht damit), sondern zeugt vielmehr von einem ernsten Hüftproblem. In der nächstgelegenen Stadt habe ich einen Pferdedoktor ausgemacht, der Callis Arschgewackel hoffentlich ein Ende setzten kann.
Gesagt, getan, 30 km in die Stadt und der Pferdedoktor hat zu. Naja, dann doch nicht ganz. Die traute Gattin verrät, ein Einsatz führe ihn zum Flughafen – Mann, dann ist er ja noch mit ganz anderen Kalibern von Flugponys vertraut – da bin ich ganz sprachlos. Er würde in ein, zwei Stunden zurück sein.
Nicht so schlimm, wir verköstigen etwas Kaffee und ich ziehe los, eine neue Sonnenbrille zu ergattern, denn meine letzte habe ich verloren. – – –
Was anfangs nur eine kluge Idee gegen Insekten, Sonne und Maßnahme gegen vorzeitiges Faltenkapitänsgesicht – immer gegen den Wind schauen zeichnet notwendigerweise dein Gesicht selbst zur Kraterlandschaft – war, hat doch inzwischen die Form eines kleinen Flirts angenommen.
Es ist nicht so, dass sich meine Skepsis gegen Sonnenbrillen gelegt hätte: Immer noch kreieren Sonnenbrillengesichter nur verschiedene Formen der Antipathie in mir: Da ist das Arschlochfressengesicht, dies IQ 60, dies “ich weiß, auch du denkst, ich wär ein Model” oder “wer Armani trägt, braucht keinen Charakter”. Es gibt schlechterdings keine Sonnenbrille, die sympathisch wirkt & darüber hinaus machen sie die Menschen meist ein wenig hässlicher, weil sie das Schönste im Gesicht (die Augen) verbergen und das tragende Gestell (die Nase) in den Mittelpunkt rücken.
Wer also kein zartes, kleines „ich bin ein Stupsnäschen” in der Mitte seines Gesichtes trägt, ist gut beraten, es sich mit der Sonnenbrille gut zu überlegen, vorausgesetzt natürlich, dass man auf den Wert “Attraktivität” zielt.
Lustigerweise gibt es allerdings eine Innen/Außenwelt-Diskrepanz, wie ich es nun als frischer Sonnenbrillenträger bemerken darf. Man setzt die getönten Gläser auf und fühlt sich schlagartig um die Prozentpunkte cooler, die man in der Außensicht an Intelligenz einbüßt! Und was man endlich ungehemmt spannen darf. Der stechend beobachtende Blick muss nicht mehr verborgen werden. Frei und lüstern darf er fixieren, was sonst durch Höflichkeit & Anstand im Zaum gehalten wird. Man setzt die Brille auf und hält die Menschen prompt für noch etwas dümmlicher, als sie sowieso schon sind. Als würden nur die flinken, scharfen Pupillen den Blick verraten.
Durch das Glas ist eine Wand zwischen dich und die Welt gesetzt, ihre Zudringlichkeit bleibt draußen, spiegelt nur ihr eigenes Gesicht, kann dich nicht mehr greifen, nicht anschauen, durch deine Augen hindurch, wie sonst nach da drinnen, zu dem kleinen steuernden Homunculus hinter den beiden Fenstern, wo er sonst nur schüchtern die Läden klappern lassen kann.
Ha, unangreifbar, unantastbar bist du mit der Sonnenbrille “Noli me tangere” ab 2,50 Euro, nach oben hin ist der Preis natürlich offen.
Aber selbst da hört noch nicht die Wunderwirkung dieses kleinen buntbefensterten Drahtgestells auf, denn farbenfroh wird die Welt, die langweilige, pragmatisch-kalt-weiße Wirklichkeitswelt verzaubert. Romantisch rosa, eine ewige Sonnenuntergangsnostalgie färbt jedes Jetzt mit zartem Hauch künftiger Vergangenheit. Dunkles Blau malt Schatten auf Schatten, lädt die Welt mit intensivierter Dreidimensionalität & Dramaturgie auf. Kontraste werden schärfer, Farben setzen Stimmungen, prägen Gedanken.
Und blickst du dich selbst im Spiegel mit einer Sonnenbrille an, siehst du dich selbst verzaubert: Vom Laiendarsteller bist du zum Protagonisten befördert. Wenn das mal nicht sichtbar ist!
Nur die anderen gräulicht-grauen Gestalten der Wirklichkeitswelt sehen auch dich noch grau in grau, nur mit Sonnenbrille und etwas geplustertem Ego.
Aber verdammen, die kleinen Artefakte – wie könnt ich das noch, nun, da ich ihre Zaubermacht kenne?
Was interessierts mich denn, was die greulichten, grauen Wirklichkeitsmenschen über mich denken? Frage ich mein sonnenbrillengepimptes Spiegelbild, das lässig mit der Schulter zuckt. Drehen wir lieber die Kopfhörer ganz laut, jagen die Musik in die Adern und fahren dem Sonnenuntergang entgegen. Nostalgiefarbenhauch. Der Tag ist vergänglich. Die Straße bis zum Horizont. An den Bruchstellen verblassen die Farben zu…
Ach übrigens: Calli ist wieder gesund. Nur ernsthaft, wen interessiert eigentlich Calli?
🐾 Panthapapers
Die zivilisierte Welt wird am Laufen gehalten von den wenigen stillen Bürgern, die ihre Arbeit ernst nehmen und sorgfältig verrichten. Ohne sie wäre keine Ordnung denkbar, keine Maschine würde funktionieren, keine Logistik, keine Wissenschaft, kein Unternehmen.
Sie allein schleppen mit geduldiger Kraft den großen Haufen an Hallodris und Schlampern, an Gaunern, Schlafmützen, “Lebenskünstlern” und all die anderen undankbaren Nichtsnutze durchs Dasein, die ohne ihre schweigenden Gönner keine fünf Tage überleben würden und dennoch alles Geschenkte für selbstverständlich und wertlos erachten.
An einen solchen verborgenen Diener der Dinge geraten wir zu unserem großen Glücke heute, ein Fahrradmechaniker, der sein Handwerk versteht. Das Internet hat ihn empfohlen.
Calli hat jemanden wie ihn mal wieder dringend nötig, denn sein Hinterteil sammelt Beulen und Knubbel, dass man fürchten muss, er verwandelt sich bald in einen hinkenden Quasimodo-Calli. Warum springt er auch stets so freudevoll wiehernd in jedes Schlagloch, das er sieht?
Annähernd eine ganze Stunde richtet der zarthändige asiatische Meister die Speichen im Getriebnen neu, festigt, was locker, lockert, was fest, bis aus dem gequetschten Demolat wieder ein ewig rollendes Runderad wird, bereit für neue, weite, ebne Strecken – ja, ja, und das ein oder andere Schlagloch.
Die Ehegattin des Mechanikers fotografiert emsig das Ergebnis und die zufriedenen Kunden. Nur wenige Minuten nach Abfahrt finden wir uns als Werbung im Internet wieder. Marketing ist alles. Was wären die Helden ohne ihre Gauner. Still vermutlich. Und niemand würd’ von ihnen wissen.

