
🦄 Ponypapers
Kopfschmerzen sind vergangen, aber die Rückenschmerzen scheinen bei Adrian noch einen Zacken zugenommen zu haben. Weiterer Treffer eines Hexenschusses ganz klar. Aufgrund der Beeinträchtigung wollen wir nur 30 km bis zu einem Seerosenhotel fahren, ein malerischer Ort, es juckt mich in den Fingerspitzen & die Buntstifte sind bereits gespitzt.
Noch auf dem Weg zum Strand hängt Mitte der Straße in Gesichtshöhe plötzlich eine Riesenspinne. Gerade noch rechtzeitig kann ich bremsen. Zwischen zwei Laternenpfählen wollt sie ihr Netz spannen: “Unter nem Motorradfahrer mache ich’s nicht.” Glücklicherweise sind die Bauarbeiten noch nicht so weit gediehen und wir können uns seitlich darunter hinweg bewegen.
Schon fahren wir am Strand entlang unter bewegten Himmel. Beeindruckende Wolken. Alle Nase lang muss ich stehenbleiben und staunen. Adrian kriegt von all dem nicht so viel mit, denn er kann den Kopf weder gut nach links noch nach rechts drehen. Schade, ist unser letzter Tag an Thailands Ostküste.
Wir kommen beim Seerosenhotel an, aber es ist voll. In drei Tagen gibt’s ne Hochzeit und daher ist schon mal provisorisch alles “full”. Leicht frustriert sitzen wir im Garten und suchen nach einer Alternative. Zwei edel gekleidete ältere Herren kommen vorbei und versuchen etwas Konversation mit uns zu machen, während wir versuchen, trotz intensiver digitaler Beschäftigung höflich zu sein. Einer der beiden war schon 3 x in Deutschland und auch der andere hat München (absoluter Lieblingsort der Thais eindeutig, gerade noch vor Hamburg, der Nr. 2) besucht: Das Oktoberfest. Viel Bier – sie lachen. Wir auch. Danach muss man ein schräges Bild von Deutschland haben.
Sie bestaunen unsere Fahrräder, unsere Muskelkraft, “very hot”. Da haben sie Recht. Es ist jetzt 12 Uhr. Wirklich die ideale Ankunftszeit, möchte man nicht Gefahr laufen, als Fettfleck auf dem Asphalt zurückzubleiben.
Wir verabschieden uns und legen nen Zahn zu. Am Fluß beziehen wir Station. Hier ist’s schön (und halb so teuer, lacht Dagobert) und beschließen, trotz auslaufenden Visums einen Tag Station zu machen. Adrians Rücken kann’s gebrauchen.
🐾 Panthapapers
Auf einer staubigen Seitenstraße knattern uns ein paar Motorräder entgegen. Einer ruft laut etwas, hält auf mich zu und bleibt erst kurz vor mir stehen. Mit eifriger, entschlossener Miene drückt er mir ein Blatt Papier in die Hand. Erst am Abend kann ich Google Lense die thailändischen Zeichen übersetzen lassen. Und schon bin ich hin und weg.
Von den heiligen Zaubersprüchen des Phra Anuttham ist da die Rede, einer Art “Code zum Betreten des Nirvana”, von fünf Mantras, die u.a. zum Kontakt mit sakralen Dingen verwendet werden können. Natürlich auch ein wenig über das Ende der Welt, “diese Ära ist die letzte Ära”, sich häufende Katastrophen als Menetekel baldigen Untergangs usw., aber dergleichen apokalyptisches Gebrabbel gehört ja zum universellen Standardrepertoire der kleinen wie der großen Heilsbotschaften in aller Welt.
Der Fokus bei Phra Anuttara jedenfalls liegt, und das gefällt mir, doch irgendwie auf dem Hier und Jetzt des Fernen und Künft’gen. Wenn ich die fünf Mantras inkorporiere, heißt es da, wird sich mein Leben verändern und ich werde in die Fußstapfen des Buddha treten, was konkret u.a. folgende Vorteile bietet: Mein Name wird (erstens) “von der Liste von Yamaraj im königlichen Konto gestrichen” (was, wie es scheint, eine gute Sach eist). Ich werde (zweitens) “über das Tor des Nirvana informiert”, überdies (drittens) “Dhamma im Haushalt erreichen”, (viertens) “Vorteile für meine neun Kinder und Enkelkinder” erwirken und (fünftens) “Ahnengeister anziehen und ihnen helfen” können.
Ich sitze eine Weile schmunzelnd über dem Blatt Papier. Wie schade, dass Phra Anuttara keinen Schutz gegen Hexenflüche erwähnt. Heute hat sich eine Riesenspinne mitten über die Straße direkt vor uns in den Weg herab geseilt. Das macht gar keinen Sinn, dort fahren sonst bloß große Autos, die sie sofort wegklatschen. Sie muss sich kurz vorher und nur für mich genau dorthin begeben haben. Das kann nur von finstrem Hexenwerk her kommen. Mein Rücken schmerzt ebenfalls nach wie vor gräulich.
Ein Mantra, das mich vor Hexenflüchen und -schüssen schützt, das hätt ich nötig. So aber hat Phra Anuttara, fürchte ich, leider nichts zu bieten, was ich brauchen kann. Ach ja, außer etwas Unterhaltung natürlich. Aber die ist auch was wert.

