
🦄 Ponypapers
Erfahrungsresistenz, haben wir darüber einmal gesprochen? Wir sind in der Riesenmall und wollen aus einem überwältigenden Angebot an Speisen aller Herren Länder unser Mittagessen auswählen. Hier Chicken Teriyaki, dort Western Fusion, Malaysian Roti Telur oder Thai experience? Derweil Adrian von einem malaysischen Buffetstand seinen Teller befüllt, eile ich zwischen den Ständen hin und her. Was will ich? Was ist am besten? Könnte es nicht mal wieder einen Salat geben?
Ich erblicke plötzlich auf einem von hinten erhellten Plastikwerbeschild eine bezaubernde Portion Spaghetti Bolognese. Schön angerichtet auf einem Teller, mit frischen Basilikumblättern. Das muss es sein, weiß ich mit einem Mal, diese Spaghetti will ich haben. Kurze Zeit später stehe ich mit Adrian an einem Bildschirm und klicke mich durch das Menu. Wollen Sie ein Getränk dazu? Ja, warum eigentlich nicht. Ein Nachtisch? Ich blicke Adrian an, der nickt. Bitte geben Sie nun ihren Namen ein – – –. Wie haben Sie von diesem Angebot erfahren? – – – Würden Sie das Angebot weiter empfehlen? – – – Nachdem wir uns durch die frustrierende Reihe durchgeklickt haben, gibt es nur noch eine Aufforderung: Bitte geben Sie ihre Telefonnummer ein, Ihre Buchung wird per SMS bestätigt. Scheiß drauf, auch egal, her mit den Spagetti. Diese werden erstaunlicherweise von einem Menschen serviert, der in einem Hinterraum auf seinen Auftritt gewartet hat. Ein scharlachrotes Plastiktablett landet auf unserem Plastiktisch, darauf die Nudelportion in einem Kartonschälchen, daneben das Plastikbesteck, das Plastikglas und sozusagen der Form halber der Plastiknachtisch. Ich rühre die Pasta herum und beginne zu futtern. Gier gegen Ekel, welche Partei wird das Rennen gewinnen? Es ist wirklich alles sehr billig. Will nicht wissen, was das für Fleisch ist, ob es Fleisch ist. Immerhin, so sag ich Adrian, haben sie an den Gewürzen nicht gespart. Das war ne gute Idee. Er lacht, ich lese auf der Packung, die sehr an unsere 5-Minuten-Terrine-Bolognese erinnert, was da noch so alles drinnen sein kann: Spuren von Eiern, Milch, Schalentieren und Meeresfrüchten, von Weizen und Nüssen ist ja klar. Mich wundert, was sie wohl alles zu erwähnen ausgelassen haben: Haarpartikel, Knochen- und Knorpelfetzen, vll aber auch Ratteninnereien und Kotstückchen.
Es wäre zumindest eine gute Idee gewesen, den Brei auf einen Teller zu kippen, als einfach nur den Deckel abzuziehen und Wasser drüber zu kippen, denk ich mir. Ach je, das Western Food, jedesmal aufs Neue. Nach dem Chicken Chop wird nun die Bolognese auf die Liste gesetzt. Die gibt’s erst wieder Zuhause. Aber dann, soviel du dir wünschst.
🐾 Panthapapers
Wieder muss ein Pferdedoktor aufgesucht werden. Calli’s Hinterteil geht es gar nicht gut. Der Bruch im Metall. Der Mediziner, den ich finde, ist genau das Gegenteil des letzten. Ein verstecktes Zimmer ohne Schild oder Banner. Um mich hängt feinstes, teuerstes Werkzeug an den Wänden, sauber aufgereiht, geradezu penibel bestückt. Ein junger Typ Ende 20 vielleicht ist der Chef und der einzige im Laden. Er repariert Rennräder für die wohlhabende Mittelschicht.
Calli wird geduldig und liebevoll behandelt. Danach dreht er von ihm und mir ein kleines Tiktok-Video. Er hat 20.000 Follower, sagt er, die bedient er mit Fahrrad-Infotainment. Für die langwierige und schwierige Heilungsprozedur nimmt er aber nicht mehr als der ölverschmierte Straßenmechaniker von vor ein paar Tagen. 25 Ringgit, 5 Euro für einen Stoß voll Speichen und eine Stunde konzentrierter Arbeit. Er macht das aus Leidenschaft, sagt er. Früher war er Automechaniker, aber Fahrräder mag er lieber. Hier hat er sich sein Paradies geschaffen. Mit jedem Werkzeug an seiner Stelle.
Mehr als 200 oder 300 Kilometer macht’s Calli aber trotzdem nicht mehr, sagt er. Das ist eine traurige Neuigkeit, wenn auch keine unerwartete. Wir flüstern nur und sind ganz leise. Calli darf davon nichts erfahren.