
🦄 Ponypapers
Der produktive Abend liefert Material für Reflexionen über den Zusammenhang von Fantasie und Furcht. In einer geselligen Runde fragte ich einmal, ob man glaube, dass Fantasie einen ängstlich mache, einfach weil der Kopf unentwegt alternative Zukunftsverläufe vorschlage, ganz unabhängig von ihrer Wahrscheinlichkeit. Und all diese Zukünfte würden farbenprächtig, geschmackvoll, furchteinflößend, schwarzmalerisch, dystopisch vor Augen geführt: Eben mit “Herz, Blut, Feuer, Leidenschaft” und Leben! Was nicht alles passieren könnte im schlimmsten Fall? Und ist der fantastische Kopf nicht etwa hingeneigt zum schlimmsten aller Fälle? Belebt sich die Fantasie etwa nicht an der Tragik und dem Drama? An Krankheit, Tod und Teufel?
Alle, die sich in der Runde selbst als furchtsam einschätzten, waren mit diesem Vorschlag schnell einverstanden. Ja, ich bin ängstlich, weil ich fantasievoll bin. Die Mutigen wollten es so nicht stehen lassen. Als ob ich nur mutig wäre, weil ich fantasielos bin und mir nicht vorstellen kann — also, ich keinen Sinn fürs Drama! – aber Hallo.
Heute, ja ich weiß, ihr dachtet, es wäre abgehakt, habe ich mich für Spaghetti Bolognese entschieden. Ich war sehr hungrig, ich sah nach ein paar Bissen: Die großen Fleischstückchen sind nicht durch. Da schob ich sie beiseite und aß weiter, den ganzen Rest. Ich glaube, auch ein paar kleinere Stücke waren durchaus nicht durch.
Ach, hätte ich sie doch nie gegessen. Zuerst dachte ich nur an die unterschiedliche Essbarkeit von rohem Rindfleisch und Schweinefleisch. Letzteres ist in diesen Gefilden wirklich sehr selten. Das beruhigte mich. Dann aber, ich hatte inzwischen aufgegessen, fiel mir ein, was L über Parasiten in rohem Fleisch erzählt hatte. Böse, fiese, wandernde, eierlegende Parasiten — tödlich.
Dieses kleine Mini- und Mikroleben geht die Gurgel runter, schwimmt und schwappt im Magenbehälter und Säurepool, dann bei etwas größerem Schwunge gelingt es den ersten, sich mit ihren Saugrüsseln an der Magenwand festzuhalten. Sie beginnen ihre Bohrarbeiten, derweil die gefährliche Flüssigkeit immer wieder in Wellen zu ihnen hoch schwappt. Ein paar reißt es zurück in die Auflösung und ins Verderben, andere werden angespült, klammern sich mit schreckgeweitetem Blick an herausgeploppte Polypen und klettern höher. Bald schon kann man die Jubelrufe derjenigen hören, welche es zu der Achter- und Blutbahn geschafft haben. In den Kurven reißen sie die Arme hoch vor Freude. Sie sind jetzt ganz Genuss. Ihre kleinen Gehirne, diese Wurmfortsätze, kennen keine Vergangenheit. Man springt ab, aus Zufall und Instinkt. In diese Niere werde ich mein Nest bauen. Da werden meine Kinder glücklich sein. Einen Sonnenpalast in dieser Lunge, so viele Blasen, so viele Zimmer, so rot geflutet von allen zinnoberfarbenen Teppichen. Hier kann ich König sein, hier bin ich Herrscher, da sauge ich, da bin ich ich!
An diese Parasiten denke ich also die nächsten Stunden noch und vermutlich wird mich diese Fantasie noch Monate begleiten. Es ist kein schneller Tod. So viel Zeit für fantastische Gemälde und Pinselschwingungen. Ich überlege… vielleicht muss ich die These von Fantasie und Furcht doch noch nicht ad Acta legen?
🐾 Panthapapers
Was für eine entzauberte Bruchbude, dieses riesige Hotel. Der Charme ist längst verflogen, übrig blieb die Bausubstanz. Ich lese die Rezensionen zu anderen Unterkünften in Port Dickson. Alle klingen ähnlich wie unser Ort: alt, ungepflegt, sich allmählich Richtung Untergang schleppend.
Als hätte eine ganze Reihe an Investoren vor einem guten Jahrzehnt entschieden, dass sich der Ort als Touristenspot nicht mehr lohnt. Vielleicht lag es an den Öltankern vor der Küste, vielleicht war es Zufall, vielleicht wusste jemand was, was andere erst später wissen. Jedenfalls sagte man: Ach, das steht nun noch, so lang es steht. Schlafmatratzen für das obere Ende der Unterschicht.
Und für uns. Aber Lili befürchtet, dass sie nachts von Bettwanzen gepiesackt wird. Daher werden wir, fürchte ich, nicht mehr lange bleiben. Ach ja, und jemand feiert hier Hochzeit und hat das ganze Hotel für eine Woche ausgebucht. Eine Hochzeit hier? Ich kann nicht anders als mich wundern. Glücksmomente in Ruinen, denk ich bei mir. Aber was soll’s. Das Uncharmante hat auch seinen Charme. Und etwas Nostalgie. Und einen großen Pool.