Samstag 25.5.2024 Port Dickson (Golf)

🦄 Ponypapers

Im Grunde genommen beginnt jeder Tag mit einer Wette. All das, was ich mir für heute vorgenommen habe, wird mich nicht umbringen. Diese Straße spaziere ich entlang (und nicht die Gegenüberliegende) und es wird mir kein Ziegel auf den Kopf fallen. Mit dem Fahrrad fahre ich zur Arbeit: Kein Autofahrer wird heute auf der Gegenbahn einen kleinen Ausflug für eine Frontalkonversation oder -konfrontation mit mir unternehmen. Das Fleisch in der Kantine ist nicht verseucht, im Salat schlummern keine Fuchsbandwürmer ihren Vormittagsschlaf. Kein Wahnsinniger läuft an diesem Tag Amok in genau diesem Kaufhaus. Bei dieser steilen Treppe werde ich nicht stolpern und sollte ich stolpern, werde ich nicht fallen, werde ich aber fallen, so werde ich nicht enorm ungünstig mit vollem Schwung meine Gehirnplatte an der scharfen Kante beim Aufprall knacken. 

Es gibt Wetten, die wir eingehen, und welche, die wir ausschlagen: An der Steilwand klettern ohne Sicherungsseil? Sag mal, hast du sie noch alle?!

Die Risikoeinschätzung übernimmt sicherlich nicht der Kopf, der schon immer die verschlungenen Gabelungen der Baumdiagramme qualvoller Mathematikstunden gehasst hat. Bei einigen übernimmt’s das Herz, bei anderen der Bauch, in jedem Fall keine Rechenmaschine und das ist ja auch gut so, denn überleben werden wir’s sicher nicht. Wie vieles wir ausschlagen, nur weil wir glauben, dabei könnten die Würfel zu unseren Ungunsten fallen. Motorradfahren? MDMA? Im tiefen, trüben Wasser des Ozeans schwimmen? Wir glauben zu rechnen und trotten nur den Kreisweg nach, den der Durchschnitt unseres Umfelds für uns ausgetreten hat – das ist unsere Risikoeinschätzung! In Vietnam fahren alle wild und fröhlich Motorrad, Kinder zwischengeklemmt, das Baby auf den Schoß. In Kambodscha renovieren sie Angkor Wat ohne Sicherungsseil. In Thailand fängt man sich die Schlange und brät sie zum Abendessen. 

Ja und hin und wieder und gar nicht mal so selten geht einer drauf, möchte man einwenden. Sollen wir die Lebenserwartung mal mit Deutschland vergleichen? Und es stimmt ja auch. Hin und wieder geht einer drauf, das könntest du gewesen sein. Nur irgendwann gehst du ja sowieso drauf. Die Wette ist gezinkt und egal, auf wieviel du verzichtest, wie viel Leben du konservierst und absicherst und wie viele Netze du aufhängst – verlieren wirst du doch. Das, was vor dir liegt und was hinter dir liegt, ist gleich lang. Die unendlich kurze Gegenwart kennt keinen Unterschied, den setzt nur der Kopf. Die zehn Jahre werden genauso schnell vorüber sein wie die fünf. Dreh dich einmal herum und du wirst sehen, dass dein Leben hinter dir liegt und du auf der Schwelle stehst. Das sehen all die, die ihr Leben retrospektiv erleben können. Wieviele Wetten kannst du wetten? Auf wie viele Berge steigen, in welchen Wassern schwimmen? Welche Eisschichten haben dich schon getragen und dir Schneeflocken zugehaucht? Fröhliche Spieler könnten wir sein mit unserer Sicherheit im großen aller Spiele. Und wenn wir dann verlieren, wie alle Welt verliert, so haben wir im Gegensatz zu ihr zumindest einmal in vollster Freude gespielt!

🐾 Panthapapers

Am Abend sehen wir ein Interview mit dem Schriftsteller Ian McEwan. “Jetzt wo ich Sie einmal da habe: Worum geht es im Leben wirklich?”, fragt die Moderatorin. Aber als er seine Antwort (“kleine Momente des Alltags”) ausführlicher darlegen möchte, hastet sie schon weiter. Das verärgert ihn sichtlich. Er wäre gerne sehr viel länger bei der Schönheit des Zwiebelschneidens geblieben. Aber die Zeit drängt, das alte Fernsehformat ist immer in Eile, muss immer alles auf Minute und Sekunde im Voraus anpeilen. 

Sein nächstes Buch, das neueste Ballett von einem seiner Werke muss noch vorgestellt werden. Er ist ein alter Mann. Und er sieht aus, als wäre er ziemlich glücklich, bald wieder zuhause sein zu dürfen. Um dort Zwiebeln zu schneiden.

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