Dienstag 10.10. Fahrt nach Uong Bi

🦄 Ponypapers

Unterwegs 50 km.

Mag nicht im Zimmer mit den weißen Wänden bleiben. Brechen auf. Immerhin kein Kopfweh. Nachdem wir unser Hostel am Abend bezogen haben (8 Euro) und zum nächsten Essensstand gewankt sind, trotte ich Adrian hinterher ins Hostel. Seitdem er gelesen hat, dass Zärtlichkeitsbekundungen tabu in Vietnam sind, wurde das Händchenhalten für Lili gnadenlos gestrichen. Da springt aus einer dunklen Ecke plötzlich laut bellend ein großer Hund hervor und ehe ich mich versehe, hat er in meinen Popo gebissen. Nun, nicht fest. Vll eher gekniffen. Er läuft im Kreis um mich herum.

Ich hechte zu Adrian nach vorne, der von all dem nichts mitbekommen hat. Nachdem er sich überzeugt hat, dass da tatsächlich ein Hund ist, der jetzt laut bellend auf uns zurennt, verjagt er ihn. Mehrere Leute rufen und pfeifen etwas. 

Ich fliehe weiter in Richtung des Hostels. A. folgt, mich weiterhin auslachend. Ja, ja: Den letzten beißen die Hude.

Oben im Zimmer Besprechung über Möglich- & Wahrscheinlichkeit von Tollwut. Popo-Untersuchung fördert keinen nennenswerten Kratzer zutage. A überzeugt, dass da nichts passiert sein kann. Aber versprechen will er es auch nicht. Das stimmt mich skeptisch. Er soll Google fragen, ob nicht eigentlich die Impfungen auch ohne Auffrischung ausreichen. Mich macht Google mit einer Auskunft über nur irgendeine Krankheit (auch die anderer und fremder Leute) augenblickswirksam hypochondrisch.

Während A. sich mit Google austauscht, rede ich mir gut zu: Es ist kein Kratzer zu sehen. Auch L’s Auskünfte sind etwas beschwichtigend. Ich sage A., dass wir morgen weiterfahren können. A. ist nun anderer Meinung, Google hat ihm zu viele Tollwutbilder gezeigt. Kurze Zeit später denke ich auch, dass ein kleiner Spritzer gegen einen ansonsten zu 100 % tödlichen Virus vll. besser nicht zu verschmähen sei.

🐾 Panthapapers 

Wir rauschen durch die nordvietnamesiche Küstenlandschaft, ein Stück weit die Hügel hinauf, auf all den Irr- und Umwegen, die unsere jeweilige Fahrrad-Navigations-App so zu bieten hat. Immer wieder schön, das Hinterland kennenzulernen, auf holprigen, halb zugewachsenen Pfaden zwischen Reisfeldern herum zu manövrieren oder ein Wohngebiet bis in die letzte Sackgasse hinein auszukundschaften, aber wenn man schlussendlich genug davon hat, von Minenarbeitern, Reisbauern und Siedlungsbewohnern mit dem Blickgemisch aus “Was machen denn diese lustigen Europäer hier?” und “Warum fahren diese armen, dummen, pinken Europäer nur nach da oben, wo doch jeder weiß, dass es da nirgendwohin geht?” begossen zu werden, tut es gut, wieder auf den tosenden, strömenden, lärmenden Highway einzubiegen, der jede durchsetzungsstarke und mit Reifen versehene Seele in Eile zum Ziel hin schiebt.

Wir lernen über Google-Karten: Je undeutlicher dort eine Unterkunft vermerkt ist, je näher man zoomen muss, damit sie überhaupt sichtbar wird, je unscheinbarer ihr blasses Grau, desto bessere Chancen hat man, dort tatsächlich einen Schlafplatz zu ergattern. Es gibt allerlei einheimische Hotels, aber weil sie zum einen aussehen wie Wohnhäuser, zum anderen ihre unaussprechlichen Namen inmitten einer ganzen Landschaft bedeutungsfremden Textes präsentieren, bleiben sie schwer auszumachen. Und man will sich ja nicht versehentlich zu einer fremden Familie ins Wohnzimmer legen oder die nächste Motorradwerkstatt in Besitz nehmen.

Auf unserem abendlichen Weg vom Restaurant in die Wohnstätte kneift ein aufgedrehter schwarzer Hund Lili in den Po. Was zunächst bloße Lapalie scheint, wächst sich symbiotisch mit aufkeimender Hypochondrie und mit etwas Recherche-Dünger aus dem Internet zu einer tropisch wuchernden Panik aus. Wir beschließen, in Ha Long die Wurzel des Gebüschs ziehen zu lassen und mächtig Unkrautvernichter ins Erdreich zu kippen. Eine Entscheidung, die uns kurz darauf in die herrlich hellen Hallen des Vinmec International Hospitals führen werden, dem Ort gelassener Menschenfreude und steriler Perfektion.

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