Dienstag 17.10. Ha Long

🦄 Ponypapers

Adrian und ich begeben uns auf die vielangepriesene Bootsfahrt, um die Inseln der Halongbay zu erkunden. Kaum sind wir auf dem Schiff, das wie das meiste hier im Vergleich zu den ausliegenden Hochglanzbroschüren diesen leicht angeknabberten & derangierten Charakter hat, werden die Passagiere an die Tische verfrachtet und das Essen serviert. Immer 6 an der Zahl. 

Jeder wird ausgestattet mit einem kleinen Schälchen und zwei Essstäbchen, dann werden de kleinen gefüllten Teller aufgetragen. Mir schwant Übles. Wie sollen diese Mini-Portionen für 6 Leute ausreichen? Ein scharfer Blick schätzt die Kapazitäten meiner Konkurrenz ein. Uns sitzen zwei kränkliche Deutsche gegenüber und ich freue mich, dass der hüstelende mit den glasigen Augen ein Totalausfall als Esser ist. Die folgenden Tage werde ich noch häufiger an ihn denken.

Ansonsten: Ein Asiate – zu höflich, der wird sicherlich nicht satt. Eine junge Frau – robuste Oberschenkel, die vermutlich gefüttert werden wollen, sonst schlanke Figur, was Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Frau ihren Körper vll nicht füttern will (?). Sie stellt sich glücklicherweise als Vegetarierin heraus, die nach und nach alle Eiomelettes in sich hinein drückt. Eier kann sie fressen so viele sie will, denn bei uns im Hostel gibt es jeden Morgen Ei – gebraten, gekocht, als Omelette oder French Toast.

Ich greife nach den Garnelen. Das Kostbarste zuerst, bevor’s weg ist. Das war in gewisser Weise eine unglückliche Wahl, denn es braucht zahlreiche Servietten, um die Fischfinger nach zwei Stücken (was mir rechnerisch zusteht) trocken zu wischen. Die benutzten Servietten werden vom Ventilator erwischt und verteilen sich auf und unter dem Tisch, werden höflich vom Essen wieder runter gehoben. Auch der Fisch ist eine Herausforderung mit seinen Gräten, der Haut, den Flossen. Auch ihn muss man mit den Finger in 1 cm große Stückchen zerkleinern, wenn man an ihm nicht Schaden nehmen mag. Die beiden Dippschälchen fleißig weitergereicht, nähern sich schon ihrem Ende, aber da kapitulieren bereits meine Konkurrenten. Unglaublich (!) bis auf die Omelettes und die Frühlingsrollen sind die Teller noch befüllt. Adrian und ich zerlegen den Rest, die Shrimps gemeinsam, es folgt der Fisch (ich), die Suppe (Adrian), eingelegtes Gemüse (beide) und weichen nur vor dem Tintenfischsalat mit seinem kreativ lebendig wirkenden Meeresfrüchten zurück. Als abgeräumt wird, werfe ich einen Blick zu den anderen Tischen. Shrimps werden in Abfallschüsseln geschüttet, gefolgt vom Fisch (meist unberührt), Reis en masse, Tintenfisch ist ja klar und eingelegtes Gemüse. Es sieht aus, als hätte man Spatzen zu Tisch gebeten. 

Aber warum nur? An den Mengen kann es nicht liegen! Aber woran dann? Hat hier niemand Hunger?

Die einzig einleuchtende Erklärung kann nur europäisches Scham- und Ekelgefühl sein. Es sind alles keine mundgerechten und endgräteten Stückchen. Und dann die Herausforderung, sie mit Freuden mit Fremden vom gleichen Teller zu essen, in Dippsaucen zu  tunken und alles noch mit Stäbchen auf schlingerndem Kreuzer. Wer da großmütig am Anfang zupackte, kann dann das karpfenverschmierte Gesicht seines Gegenübers begutachten. Und all diese Kaugeräusche! Das Schlucken und Schniefen, das Knacken der Schalen, das Ziehen der Gräten, das Gewische mit Papierservietten über klebrige Münder & Hände. Wer da etwas Klasse und inneren Adel hat, dem muss doch der Appetit vergehen?

Als letze ziehen wir Halunken aufs Sonnendeck und inspizieren die Situation. Das spanische Alpha-Pärchen – Ende 20, schlank, gebräunt, gutaussehend, hat sich die einzigen beiden Liegestühle geschnappt und mit ihren Handtüchern ist es offensichtlich auch gewillt, sie für die restliche Fahrt zu reservieren.

Rechts und links eine Bankreihe mit Sitzenden, geschlechtsspezifisch getrennt. Auf der einen Seite Mädchen, 20-25 Jahre, Einheitstyp in unterschiedlichen Fassungen. Glatthäutig, gebräunt & mit Sonnenbrille – so kommen sie standardmäßig aus der Fabrik. Größe, Taillenumfang und Haarfarbe nach Wahl.

Gegegnüber nimmt die fünfköpfige Jungsgruppe, 25-30 Jahre (oder haben sie sich schlechter gehalten (?)), trotz geringer Anzahl die ganze Bank ein. Phänotyp: braungebrannt, tätowiert und oberkörperfrei. Leicht lärmend mit Bierdose, so werden sie nun mal geliefert, trotzdem handzahm, bei richtiger Fütterug wohl versprochen. Spätestens in 10 – 15 Jahre dann auch zur Ruhe gekommen, mit Wohlstandsbäuchen, dumpfbackig und leicht zu schmeicheln.

Ein asiatisches Pärchen macht an der Reling Fotos. Ab & zu gelangweilte, träge Blicke der anderen dorthin, wo sich etwas bewegt.

Die spanische Pärchenfrau knipst reichlich Fotos mit einer Spiegelreflexkamera. Pärchenmann filmt die Felskulisse mit dem Handy. Wir haben einen Platz auf der Jungenbank ergattert, denn als einer aufstand, wurde die halbe Bank frei. Inzwischen knipst Alphaweibchen vom Alphamännchen Fotos und Klick, Klick, Klick drehen sich die Köpfe der Bankmädchen begutachtend zu der Situation. So scharfe Blicke, dass sie selbst durch Sonnenbrillen schneiden. Unter allgemeiner Missgunst lümmeln sich die beiden Langbeinigen wieder auf ihre Liegestühle, derweil wir die erste Attraktion, Kajakfahren in Felsgrotte, erreichen. Hier sind wir in der Touristenverladestation angekommen: Schlange, Stempel, Rettungsweste, Paddel, Paddel, Bot und Stoß. Wir paddeln den anderen hinterher, ohne unsere Gruppe unter all den anderen Touristengruppen noch ausfindig machen zu können. Nun unter einen Felsen hindurch, schon sind wir in der Inselbucht. Mensch, wäre das beeindruckend, wenn nur all diese anderen, störenden Touristen nicht dort wären.

Aus Versehen haue ich einem anderen Deutschen mein Paddel ins Gesicht, als sich unsere Kajaks streifen. Ich hatte ihn echt nicht kommen sehen und wir eilen auch schon weiter, unkoordiniert im Kajak zurück. Hinter mir lammentiert noch der Mann: „Sie hat mir das Paddel einfach ins Gesicht gesteckt!“

„Echt?“ Ungläubiger Tonfall ob solcher Frechheit von der Tochter.

„Unverschämt.“

„Aber echt!“

Kurze Panik als wir versuchen, unser Boot zwischen all dem hochpolierten Kachel- und Alabasterglanz der „wahren“ Luxusdampfer zu entdecken. Über ein anderes Boot dürfen wir schließlich zurückklettern. 

Nächste Attraktion: Tropfsteinhöhle. Und danach Sandstrand & Cocktailpromenade. Erste Gelegenheit, in den Ozean zu hüpfen, auch wenn der abgetrennte Bereich mehr an ein überfülltes Freibad an einem Sommertag erinnert. Schwimme nur kurz jenseits der Bojen und bin mir dabei bewusst, dass ich ab jetzt ganz & gar diejenige wäre, die der Hai zuerst verspeist. 

Das Meer ist warm und sehr dreckig. Weil man für die Duschen bezahlen müsste, bleibt Lili dreckig. Nun treten wir den Rückweg an. Während man allseits in Handys starrt, erschöpft vom Tag und nur hin & wieder seine Bildbeute den Freunden präsentiert, geht die Sonne unbeachtet vor der wildwüchsigen Felskulisse im Meer unter.

🐾 Panthapapers 

Bootsfahrt durch die Ha Long Bucht. Das große Ereignis, das hier jeder mitgemacht haben muss, einzigartige Felsnadeln, die aus dem Wasser ragen.

Für die Veranstalter ist das Ganze natürllich weniger einmalig. Tagtägliche Routine in der Erlebnisfabrik. Und hepp ins Schiffchen, zack zack Essen, und hepp ins Kajak, traumhafte Steilhänge, zack zack Obstsalat, und hepp in die Tropfsteinhöhle, faszinierender Anblick. Nur nicht zurück bleiben darf man, das Glück ist eng getaktet. Eine dicke Menschin keucht am Wegesrand, so viele Treppen in der Höhle, sie beschwert sich, man hat sie nicht vorgewarnt.

Auch die üppigen Meeresfrüchte-Gerichte im leichten Schaukelgang der Wellen sind nicht für jedermann. „Help yourself!“, stößt einer der beiden anderen Deutschen am 6-Mann-Tisch mit glasigen Augen hervor, sich darum bemühend, dass sonst alles drinnen bleibt, und winkt mit großzügiger Geste über die Gerichte. Lili hat tags zuvor noch emsig die Speisekarte studiert, um den richtigen Anbieter auszuwählen. Tintenfischsalat muss man aber auch mögen. Ein echter Genuss ist er wohl nur für sehr viel feinere oder sehr viel stumpfere Gemüter. 

Nunja, die Sonne sinkt und man schaukelt nach Hause. Ein netter Ausflug, wahrlich die ein oder andere herausragende Szenerie, aber bei all der maschinellen Abfertigung ist es doch angenehm, am Abend wieder auf eigenen Füßen über festen Grund zu gehen wohin man will.

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