Freitag 3.11. Logbuch Henri Carrefour

🕵️ Cuc Phuong Nationalpark

Cuc Phuong National Park. Vietnam, der 03.11.2023, 32 C, sonnig, 92 % Luftfeutigkeit, Wind: 6 km/h nordwest, gez. Henri Carrefour.

8:30 Wegen großer Erschöpfung verzichten wir schweren Herzens auf den Sonnenaufgang. Selbst wenn uns die Forschung alles gilt, kann sie doch nichts ohne die Gesundheit sein.

8:45 Kurze Diskussion mit hiesigen Naturwächtern, die ihre eigene Ruheregel mit einem Unding von Laubbläser missachten. Wer kann ermessen, welche Beobachtungen uns durch diesen Einsatz unwiderbringlich verlorgen gegangen sind?

9:00 Mein Gemüt besänftigt sich durch die außerordentliche Populationsdichte der Araneae in den anliegenden sanitären Anlagen. 2 besonders schöne Exemplare werden fotografisch dokumentiert.

9:15 Seltsam: Stevenson lässt sich nicht für sie begeistern und hält sich den Anlagen fern. Ich weiß, sein Auge blickt fern und sucht Größeres. Aber auch im Kleinen lässt sich ein Universum erblicken. Dennoch achte ich sein Streben nach Herausfoderung.

9:30 Die Dschungelerkundung beginnt.

12:30 Dokumentation der Urwaldriesen.

13:30 Höhlenerkundung.

14:00 Stevenson hat den Proviant vergessen.

14:15 Hungrig.

15:00 Aufgrund des Hungers leichte Anspannung

15:15 Obwohl weiterhin hungernd lässt sich Stevenson nicht von seinem Plan abbringen, bis zum Herzen des Dschungels vorzudringen. Ich bewundere ihn.

16:30 Wir halten gemeinsam fest, dass die Fauna im Herzen des Urwaldes sich nicht groß von der Fauna am Rand unterscheidet. Wir treten den Rückweg an.

17:00 Dämmerung. Aufgrund des Schattens der hohen Bäume nahezu dunkel. Wieder einmal stelle ich fest, dass die Geräusche erst scharf vor unser Bewusstsein treten, wenn unser optischer Sinn zurücktritt.

Wir bestimmen eine neue Art des Rasseltiers. Merkmal: Unsichtbar. Lässt sich nur anhand arkustischer Signale räumlich bestimmen. Aus nächster Nähe erreicht es eine Lautstärke von 110 Dezibel. Außerdem notieren wir: Das Pfeiftier, das Flötentier, das Schreitier & das Schmerzenslauttier.

17:30 Es ist nun ganz finster. Im letzten Schein der Taschenlampe notieren wir unsere wichtigsten Erkenntnisse.

18:30 Wir genießen ein zünftiges Mahl, das uns für den nächsten Tag und weitere Herausforderungen stärkt.

19:00 Welch eine Vielfalt. Für Entomologen wie uns bieten die sanitären Anlagen ein wahres Paradies. Dokumentarisch halte ich den Knallgrünfrosch fest und eile zu Stevenson, denn ich habe auch die Breitmaulkröte bei ihrem Insektenmahl in voller Aktion erwischt.

19:30 Stenvenson hat die Breitmaulkröte zu Kenntnis genommen, aber zeigt weder Interesse an den Araneae noch am Knallgrünfrosch. Obwohl ich seinen Ehrgeiz und seine fieberhafte Suche sehr schätze und bedaure, dass wir im Urwald keine Quallen zur Erforschung gefunden haben, habe ich doch manchmal den Eindruck, dass er kein wahrer Insektenliebhaber ist – ja dass ihm Neigung und Gefühl abgeht für das, was Triebkraft meines Herzens und Forschungsdranges ist.

20:30 Hitzige Diskussion mit Stevenson. Ich bin empört, um nicht zu sagen, tief betroffen. Wo bei mir Liebe und Forschung aus gleicher Quelle entspringt, spricht Stevenson von nüchterner Distanz. Nur da könne er forschen, wo Liebe unmöglich sei.

Aber ich sah den Ausdruck Ekel in seinem Antlitz blitzen als ich von der Schönheit Ankadafaras sprach, welche die Zärtlichkei meines Gefühls zündete. Mir bangt um unsere Reisegemeinschaft. Welch tiefe Differenz lässt sich überbrücken, wenn nur nüchtern Ziel einen eint?

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