
đŠ Ponypapers
70 km.
Dank des LaubblĂ€sers um kurz nach 6 aufgewacht, geht die Fahrt frĂŒh los. Ich darf die Strecke bei Mapy auswĂ€hlen und treffe zielsicher die Bildhauer- & SteinmetzstraĂe. Was soll ich sagen? Der LaubblĂ€ser war eine gute Einstimmung auf die GerĂ€uschkulisse dieses Tages.
Aber so laut die WerkstÀtten allerorten sind, so schön sind die Produkte, die sie herstellen: verzierte BlumenkÀsten, SteinsÀulen und Schrifttafeln, Skulpturen und Steinberge. Aus HolzstÀmmen und Wurzeln organische Möbel und Gartenwerk. Geschnitzt und gefeilt wird alles von FensterlÀden und SchmuckschrÀnken bis hin zu zahllosen Buddhafiguren.
Die HĂ€user an den StraĂen, schmal, aneinandergereiht Ă€hneln hĂ€ufig kleinen MiniaturpalĂ€sten. Hier die schmiedeeisernen GelĂ€nder, dort die Alabasterbalkone, hier der zweite Stock mit seinen Erkern, dort hat man sich fĂŒr TempelsĂ€ulen entschieden und wieder dort fĂŒr blaugrĂŒne Marmorkacheln.
Wieviel Schönheit im Vergleich zu unserem Lieblingszement & BaukastenhÀusern, schön effizient gedÀmmt, schmucklos und entkleidet mit den abgehÀngten FensterlÀden. Geduckt wirken die niedrigen Decken.
Ja, ja viel Handwerksarbeit gibts hier – arbeits- & zeitintensiv ohne viel Mehrwert – sagt Google. Damit der Wohlstand angemessen wachse, solle, mĂŒsse Vietnam „sein jĂ€hrliches Wirtschaftswachstum von jetzt 5,8 auf etwa sieben Prozent steigern“.
Ade schönes, schnödes Handwerk. Willst Wohlstand wirst auf alltĂ€glich Kunstwerk verzichten mĂŒssen. Kunst gibts dann nur noch in den Spitzenklassen, kapitalistisches Spekulationsprodukt, Statussymbol, Masturbationsfetisch & Streicheleinheit des eigenen Selbstbewusstseins. Auf, auf – es ist ein Wettlauf! Richtung – genau, was?
Ich glaub, die Menschen sind glĂŒcklicher hier.
đŸ Panthapapers
Die Arbeiter im Nationalpark werfen erneut zu unverschĂ€mt frĂŒher Uhrzeit den LaubblĂ€ser an und schaffen es damit, Lili so sehr zu verĂ€rgern, dass wir ungestĂŒm aufbrechen. So gehtâs nun nach Thanh HĂła. Leider sind die HĂŒgel rĂŒckwĂ€rts gefahren auch nicht flacher. Vor den vielen Schlaglöchern habe ich mittlerweile gehörige Angst. Nicht dass mein Ă€chtzender, klackernder Calli irgendwo einen Hubbel zu viel abkriegt und alle Viere von sich streckt. Bei manchen Streckenabschnitten kommt es mir vor als hĂ€tte ich eine kleine Percussion unter mir, die mit multiplen Rhythmen experimentiert.
Wenn es nach mir geht, ist der Schlussakkord noch weit entfernt, das Lied darf klingen, meinetwegen auch rasseln, krachen und klicken. Nur kein Trauermarsch darf es werden. Und aus dem letzten Loch pfeifen ist auch verboten.
Nach anspruchsvoller Fahrt also ins Hotel, dessen Zimmer wir diesmal vorsichtshalber vorher gebucht haben. NatĂŒrlich will uns die Dame an der Rezeption ein anderes, billigeres Zimmer unterjubeln. Ganz allgemeingĂŒltige Aussagen ĂŒber die vielgepriesene Freundlichkeit der Vietnamesen sind schwer zu bestĂ€tigen oder zu widerlegen. Es gibt viele auĂerordentlich wohlwollende und offene Menschen, im Vergleich zu Deutschland sowieso. Die persönliche herausragende Gastfreundlichkeit mancher durften wir bereits genieĂen.
Andere Leute hier haben westlichen AuslĂ€ndern gegenĂŒber aus guten GrĂŒnden eine sehr viel ablehnendere Haltung. Sicher ist es leichter, auf die Vergangenheit mit Stolz oder GleichgĂŒltigkeit zu blicken, wenn man ihre Kriege gewonnen hat, aber um so einen versuchten Völkermord darf man auch etwas Erinnerungskultur pflegen. Kein Wunder also, wenn nicht jedes Gesicht bei unserem Anblick strahlt. Das ist niemandem zu verdenken und eher Anlass zur Verwunderung, dass man unsĂŒberhaupt hier dultet bzw. oft so freundlich zu uns ist.
Aber – die lĂ€stige Gewohnheit vieler, alles und jeden (und vor allem EuropĂ€er) zu betrĂŒgen, einen Betrug wenigstens zu versuchen, ist immer wieder eine Herausforderung fĂŒr die gute Stimmung. Meine jeweilige Reaktion hĂ€ngt von der LĂ€nge meines Tages-Geduldsfadens ab. Die Gepflogenheit der Preisverhandlung, des Ă€rgerlichen theatralischen Schacherns um ein paar lausige Kröten mag irgendwelche soziale Funktionen erfĂŒllen und dem einen oder anderen einen Genuss bereiten, aber ich kann oft nicht anders als ĂŒber diese lĂ€cherliche, kindische, zeitraubende und vollkommen wĂŒrdelose Praxis vieler Araber und Asiaten schwer zu seufzen. Es kommt mir kleinkariert, spieĂig, geizig und unfreundlich vor, ĂŒberall noch eine popelige kleine Summe abzwacken zu wollen oder seine potentiellen Kunden mit offensichtlichen Tricks fĂŒr dumm zu verkaufen.
Wenn man sich eingeladen glaubt, ist man es meistens nicht. Wenn der Preis nicht vorher klar vereinbart wurde, wirdâs teuer. Fragt man aber vorher nach dem Preis, tut jeder ĂŒberrascht und versucht nach KrĂ€ften, die Erkundigung nicht zu verstehen. Kein Essen ohne vorherige Verhandlung, sonst reibt man sich spĂ€ter die Augen. Kaum eine Dienstleistung lĂ€sst sich in Anspruch nehmen ohne die ach so freundlichen Menschen vor den Kopf zu stoĂen. Allem Anschein nach jedenfalls.
Eine alte Dame wirft sich dir wagemutig in den Weg und warnt dich mit entsetztem Blick, dass du hier nicht weiter fahren darfst? Sehr ĂŒberzeugend geschauspielert, aber alles Show. Sie will nur, dass du dein Fahrrad kostenpflichtig in ihrer Garage parkst. Schieb sie aus dem Weg und du kannst beobachten, wie sie gewitzt ihren Freundinnen zuzwinkert und grinst.
Und, wie gesagt, buchst du ein Hotelzimmer, wirst du garantiert erst mal in die billigste Abstellkammer geschickt mit ganz vielen Versicherungen, dass es genau das Zimmer ist, das du gebucht hast. Bei allen Ăbersetzungsprogrammen versteht plötzlich niemand mehr, was âwith balconyâ wohl bedeuten könnte. LĂ€sst man sich aber auf diese Weise etwa aus Erschöpfung oder Ăberdruss tatsĂ€chlich ĂŒber den Tisch ziehen, wird man zugleich von seinem GeschĂ€ftspartner kaum noch respektiert.
Nunja, so findet jedes Völkchen seine Methoden, einander das Leben möglichst unangenehm zu machen. An diesem Tag jedenfalls waren wir zu faul, selber Preis, kein Balkon, kein Respekt, Kakerlaken in der Nacht und eine Menge Ărger am Tag danach. DafĂŒr gönnen wir uns noch an diesem Abend wunderbares Buffet, in die Mitte des Tischs ist ein Grill eingelassen und so brutzeln zwischen unseren hungrigen MĂ€ulern Garnelen, Muscheln und Steaks bis zur ĂberfĂŒlle.



