
🦄 Ponypapers
Pflichten können erledigt, neue Pläne geschmiedet werden. Ich besorg Adrian einen neuen Fahrradständer, er bastelt an der Website. Nach einigen weiteren Erledigungen wird es ein ruhiger Abend.
Ich zappe etwas durch das vietnamesische Fernsehprogramm bis mich eine Soap in ihren Bann zieht. Mag ich die Sprache auch nicht verstehen, die Gesichtsausdrücke geben mir genug Hinweise, die Story nachzuvollziehen. Handlungsträger sind übrigens ausschließlich weibliche Charaktere, das männliche Personal wird vor sich her getrieben oder hängt wie ein alter Sack Schmutzwäsche in der Ecke.
Wir haben:
Protagonistin Nr. I: Die unschuldige Schönheit: Blass, weiß gekleidet, wird zu Unrecht beschimpft und in den Dreck gezogen von
Protagonistin Nr. II: Die Intrigantin. Ebenfalls schön, dazu noch schlagfertig und schlau. Nachdem sie die schweigend lauschende Unschuld weinend die Treppe hoch getrieben hat, tritt
Nebendarsteller Nr. I auf. Erwerbsobjekt: zukünftiger Ehemann, bisher Junggeselle. Natürlich gutaussehender Typ, schweigsam – sehr schweigsam – steht auf die Unschuld und will mit ihr reden. Gerät aber in die Fänge der Intrigantin, die verhindert, dass er seinen Schwarm sprechen kann. Nachdem sich die Intrigantin, wie der aufmerksame Zuschauer bemerken kann, ABSICHTLICH den Fuß verstaucht, bleibt dem armen Junggesellen nichts anderes übrig als sie am Arm zu seinem Auto zu begleiten und nach Hause zu fahren. Ein Gentleman kommt gegen den Verstand einer Frau einfach nicht an.
Szenenwechsel
Auftritt Protagonistin Nr. III Die ehrgeizige Mutter – beschimpft ihre Tochter, die Unschuld, die still und trotzig in ihrem weißen Kleid dasteht und die Vorwürfe an sich abprallen lässt. Vermutliche Übersetzung ins Deutsche: “Jetzt hast du es verkackt und jemand anders bekommt den tollen reichen Macker – den Junggesellen.” Offensichtlich glaubt die Mutter auch dem Gespinst der Intrigantin. Ein leichtes Kopfschütteln der Unschuld bringt die Mutter in noch heftigere Wallung.
Um einem Herzinfarkt vorzubeugen, sieht sich Nebendarsteller Nr. II – zeitungslesender Ehemann/ Versager – genötigt in das Geschehen einzugreifen und abzuwiegeln. Damit handelt er sich nur kalt zurückweisende Blicke von Mutter und Tochter ein. Bei diesem Gefecht sollte er besser Abstand halten.
Nachdem die Tochter verwundet die Treppe nach oben flieht, wendet sich die ehrgeizige Mutter dem Ehegatten zu und macht ihm klar, was für ein grässlicher Versager er ist und dass seine Schlampentochter wohl nach ihm gerät. Derweil weint die Unschuld ob des ihr angetanen Unrechts auf dem Balkon im Mondenschein.
Leider verpasse ich wegen dem Abendessen den weiteren Verlauf und das Ende, aber natürlich wünsche ich der Unschuld das Allerbeste und guten Appetit beim Verzehr ihres künftigen Ehemanns in vier oder fünf Ehejahren. Wohl bekomm’s.
🐾 Panthapapers
Den Tag über schreiben wir lange im “Night Coffee” auf der anderen Straßenseite. Aus langen schwarzen Schläuchen bläst dort unentwegt leichter Wasserdampf über die Häupter der Besucher. Erfrischende, gebändigt-urbane Dschungel-Atmosphäre und sanft dekadent. An Wasser mangelt es in Vietnam nie. Unbekümmert spritzt man die Gehwege ab, gießt im breiten Strahl aus massigen Tanklastzügen die Gewächse oder verpufft es eben achtsam achtlos in die Cafe-Luft. Nicht perfekt für Papierarbeiten oder Tablett-Getippsel, aber eine feucht hauchende Erinnerung daran, dass man sich auch in Saigon in den Tropen befindet, sollte man das bei den natürlichen mindestens 70 % Luftfeuchtigkeit allen Ernstes einmal vergessen.
Ansonsten gibt es heute allerlei für unsere Ausreise zu organisieren, Übergangs-SIM-Karte, Gepäck überprüfen, Infos recherchieren, Klamotten waschen und Lili besorgt für Calli noch einen neuen Fahrradständer, da mein lieber Klapperklepper mittlerweile nicht mehr ohne Hilfe aufrecht stehen, vielmehr sich stets an die nächste Wand lehnen muss, um nicht mit ganzem Körper zur Seite zu plumpsen.