Freitag 22.12. Fahrt nach Go Dau (65 km)

🦄 Ponypapers

Großstadtverkehr zu Beginn, hervor ploppende Zweiräder aller Orten. Erneutes Aufstehen um 5 Uhr. Später auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße weiter, die erlaubt, dass ich den nächtlichen Zweifeln nachgehen kann, die mich seit der Soap beschäftigen. 

Obwohl in Vietnam offiziell der Junge mehr als das Mädchen zählt, scheinen die Medien diesem alten Rangunterschieden nicht mehr den gebührenden Tribut zu zollen. Frauen – so ist ganz klar – werden die Zukunft der Familie bestimmen. 

Heißt dies aber, dass die Medien in Vietnam auch von progressiven Kräften zwecks Propaganda unterwandert werden, wie im Westen? Der Mann nicht mehr Herr im eigenen Haus? Eigentlich nur ein ramponiertes Möbelstück, bereit für den Sperrmüll, derweil Mutter und Tochter im Gleichgewicht Schwerter schwingen? Nur noch zuschauen darf der und in seinen alten festgefahrenen Zwangsstereotype so berechenbar wie ein Uhrwerk laufen. 

Kommen da im vietnamesischen Mann noch keine Ressentimentgefühle auf? Die unveräußerlichsten Rechte, die, die man sich nicht erworben hat, sondern die einem qua Geburt, nach Hautfarbe und Geschlecht zustehen, die drohen einem entrissen zu werden. 

Wo bleibt der männliche Aufschrei? Wissen sie noch nichts vom großzügigen Sammelbecken männlicher Ressentimentgefühle? Ach, wie weit sind sie noch entfernt, die ganze Bandbreite von Incels bis zu den Proud Boys kennen sie nicht, sondern liegen noch faul in ihrer Hängematte und schauen begütigend zu, wie Frau erst Geschäft, dann Heft in die Hand nimmt. Keine Rettung in Sicht. Es ist ganz klar: Den Frauen gehört Vietnams Zukunft.

🐾 Panthapapers

Gegen Fünf aus den Federn, um vor dem Vollbrand des Sonnenrundes den vollgestopften Straßen Saigons zu entkommen. Ich sehe zum zweiten Mal einen Mönch in der Stadt. Der erste ist uns passenderweise bei unserer Einfahrt nach Ho Chi Minh City begegnet. Seine Schale tragend ging er barfuß mit extrem langsamen Schritt und geschlossenen Augen inmitten des wilden Großstadt-Verkehrs, des Lärms und des Drecks seinen Weg. 

Der zweite ist auf beinahe die selbe Art unterwegs. Wann er wohl aufgestanden ist? Er wird sicher eine Weile brauchen, um zum Ziel zu kommen in dem Tempo. Dennoch natürlich auf einfache Weise beeindruckend, auch wenn keiner aus der einheimischen Bevölkerung ihn beachtet. Wie wenig es braucht, um eine Aura zu errichten. Wären wir im Westen, würde es sich wohl um eine Bußübung handeln. Wer weißt, wozu sie hier dient. Letztens habe ich wieder einmal Hesse’s “Siddharta”, diesmal als Hörbuch, konsumiert. Schon lustig, was wir uns unter Erleuchtung vorstellen. Eine alte mystische Sehnsucht. Hoffnung auf eine große Verwandlung des Geistes, vielleicht aus Langeweile am Standardformat des Bewusstseins. Womöglich muss man etwas hoffen dürfen, um nicht dem Nihilismus zu verfallen. Oder die Lebensphilosophie hat Recht und es ist letztlich der Quietismus, der die Abwegigen motiviert, das Verlangen nach einer letzten, tiefen Ruhe ob all der steten Über-Forderungen des Lebens, ein Alles-Zuviel, ein schweres Seufzen, ein kleines Schnarchen.

So oder so, ein Mann, der alles anders macht, bleibt ein Mahnmal. In roten Gewändern schreitet er dahin. Immer noch barfuß. Mit Sorge blicke ich auf den Straßenboden. All die Reifenpannen, die vielen Drahtstücke, die wir bereits aus unseren Mänteln gezogen haben. Das ohne Schuhe. Schätze, meine Sorgen sind eher irdisch. Heute fahren wir bis kurz vor die Grenze.

Nach oben scrollen