
🦄 Ponypapers
Über die Linie – und sofort blickst du nach dem Unterschied. Dort vor der Grenze noch die gestirnten Flaggen, hier drüben die flammenden Tempel, goldschimmernd die mehrköpfige Schlange über weißen Säulen. Keine engen Straßen, sondern breite Spuren, immer geradeaus, bis zum Horizont. Die Landschaft plötzlich eine flache Ebene, der Himmel weit. Als hätte nicht der Mensch sondern die Natur selbst hier eine Linie gezogen.
Der Verkehr nimmt ab, die Geschwindigkeit zu, an den Straßenrändern Häuser und Buden aus Wellblech. Sand und Staub sammelt sich und wird aufgewirbelt durch donnernde Lastwagen. Manchmal spannen sich breite Plakatbänder über die gesamte Straßenseite hinweg, dazwischen asiatischer Tempelbau, als hätte Asien hier in eine wilde Ehe mit Amerika eingewilligt oder wäre dies selbst die reinere und vollkommenere Version des Wilden Westens.
Die gestrige Übernachtung bei einer Herberge im Kolonialstil – prächtig, prächtig. Hier auf dem Balkon sitzen und Nietzscheartikel schreiben.
Und dann natürlich die krasse Diskrepanz zwischen Arm und Reich. Zwischen den Geländewagen, den 2 m hohen SUVs, diesen halben, vermutlich gar schusssicheren Edelpanzern, die da im Hof der Kolonialherberge parken und den Bettlern auf der Straße: die vielen provisorischen Wellblechhütten im Staub, die ärmliche Klamotte, der mickrigen Verkaufstisch.
Und nun, was tun, wenn man angebettelt wird am 24. Dezember? Von Kindern? Da hast du deine lausige, westeuropäische Theorie, dass man bettelnden Kindern nichts geben soll, weil sie in die Schule gehören etc. etc. Du kannst ihnen aber auch ein paar Scheine in die Hand drücken und dich scheinheilig christlich fühlen – an ausgerechnet diesem Abend. Wie es sich gehört. Weil wir in Vietnam praktisch keinen Bettlern begegnet sind, fehlt ein Konzept zum Umgang und die Kinder gehen leer aus an Heiligabend.
Und die ganze halbherzige christliche Erziehung, St. Martin und St. Nikolaus etc., schaffen es nur bis zu beschämenden Gefühlen deinerseits, von denen sich niemand was kaufen kann. Wenn man theoretisch gut, aber praktisch böse sein kann (nichts da Hilfe, Engagement oder Verzicht), sind die theoretisch bösen (welche sich an der Unausgewogenheit bzw. Ungerechtigkeit der Welt nicht stören), die aber praktisch gut sind (aus einer Laune oder aufgrund einer charakterlichen Disposition helfen), doch die “besseren” Menschen? Wie kaltherzig machen eigentlich Konzepte?
Und wo wir schon mal dabei sind. Vorläufig gilt als Faustregel zur Denkentlastung: Die erste Bettlerin am Tag hat bis auf Weiteres ein Almosen zu bekommen.
🐾 Panthapapers
Zahlreiche der Plakatwände auf dem Weg Richtung Westen sind von der angeblich deutschen Biermarke “Ganzberg” tapeziert: “Original German Beer”, steht da in großen Lettern. Selbst der Bierkenner S., dem ich davon ein Bild schicke, hat noch nie von Ganzberg gehört (versorgt mich aber mit einer Einführung in die anderen wichtigen Brauereien Kambodschas ;)
Die Marketingabteilung hat sich eine kleine Auswahl an Motiven einfallen lassen, die sich am Wegesrand häufig wiederholen. Frau im Hochzeitskleid wird von Mann auf Rücken getragen, während er mit einem Ganzberg-Bier triumphal auf die Kamera zu stürmt. Frau im Hochzeitskleid und Mann in Anzug prosten sich mit Ganzberg-Bier zu. Oder nur: Ambitioniert und erfolgreich dreinblickender Mann im Jackett genießt frohgemut ein Ganzberg-Bier. Unklar, wo die Frau geblieben ist, ob er sie geheiratet hat, ob sie womöglich mit einem Ganzberg-Bier-Kater im Raum nebenan ihren Rausch ausschläft, oder ob aus der Ehe doch nichts wurde und sie in einem Lokal die Straße runter nun ihren Frust in Ganzberg-Bier ersäuft. Die Bildwände lassen verschiedene Storyverläufe zu. Werbung wirkt natürlich immer lächerlich, sobald man über sie nachdenkt. Bringen tut sie auch nichts, denk ich bei mir, Ganzberg-Bier-Bräutigame, wen soll so ein Quatsch auch überzeugen.
Am Abend begegnen wir zum ersten Mal bettelnden Kindern. Armut ist noch ein Problem in Kambodscha. Das ist deutlich sichtbar. Heruntergekommene, verlassene Gebäude, Fahrzeuge und Menschen am Straßenrand sind oft zu sehen. Düstere Gestalten in Fetzen mit dunklen Blicken und nichts zu verlieren. Ich höre während der Fahrt die Autobiographie von Richard Brox (“Kein Dach über dem Leben”). Auch in Deutschland kann das Dasein natürlich sehr hart werden. Aber in diesem Land hat man es gewiss noch schwerer. Leider nagt bei Almosen stets das Gefühl an mir, statt für einen Wohltäter sogleich für einen gutgläubigen Idioten gehalten zu werden. Und Kindern beizubringen, dass Betteln erfolgreich ist, scheint mir ganz unerträglich. Daher gebe ich nichts.
An den Essensbuden brutzelt das Fleisch. Endloses Grillfest in den Abendstunden, überall BBQ. Die Kinder vor den Ständen halten ihre Hände auf. Ich denke irgendwas Verworrenes über Armut und Kapitalismus, während ich sie ignoriere und wir für unser Weihnachtsessen ein gegrilltes Hähnchen mitnehmen. Kurzentschlossen bestell ich noch eine Dose Ganzberg-Bier dazu. Immerhin ist Feiertag.


