
🦄 Ponypapers
Wir wecken die jugendliche Nachtwache unseres Hostels, die draußen neben den Motorrädern schläft, nur kurz, als wir unsere Fahrräder aufschließen. Ein verschlafener Blick, ein Schluck aus der nebenstehenden Kanne und sie dreht sich auf die andere Seite. Erneut geht die Sonne über der weiten Ebene auf, lugt zwischen den Wolken hervor, malt scharfe Schatten auf die vor uns liegende Brücke.
Oben angekommen, müssen wir kurz anhalten, ich will Fotos machen. Wir sind allerdings nicht die Einzigen, die mit dem Zweirad in früher Morgenstunde halten, um Eos zu grüßen. Kaum vom Fahrrad geklettert, sehe ich einen drogierten Kambodschaner lächelnd auf Adrian zuwanken. Naja, er sieht nicht sehr furchteinflößend aus, Adrian wird schon klarkommen. Schnell schieß ich ein paar Fotos und dann winken wir dem jungen Mann zum Abschied, dessen rot glasige Augen leuchtend durch uns hindurch blicken und dessen glücklich-seliges Lächeln niemanden von dieser Welt meint..
🐾 Panthapapers
Lili’s Eltern erzählen, ein Philosophie-Student sei an der Universität zu Prag Amok gelaufen. Wir haben nichts davon mitbekommen. Obwohl ich mich ursprünglich mit täglichem, engagiertem Doomscrolling pflichtgemäß bemühen wollte, während der Reise über die Weltgeschehnisse auf dem Laufenden zu bleiben, habe ich dieses Vorhaben schnell aufgegeben.
Die Nachrichten aus der Heimat haben stets die gleiche Gestalt: Die Welt dreht sich um Deutschland und sie ist kurz davor unterzugehen – jeden Tag ist es ganz, ganz knapp. Ein seltsam verzerrtes Bild, nicht ganz falsch, keine echten Lügen, aber doch weit weg von der ruhigen Auf- und Abgeklärtheit eines idealen Bürgertums und gewiss auch fern von einem aufrichtigen Bemühen um Ausgewogenheit und Wahrheit.
Dieser Nachrichtenkonsum bereitet mir unglaublich schnell miserable Laune. Und das, obwohl oft gar nichts Schlimmes passiert ist (manchmal natürlich schon) und ich überdies sowieso nichts an den Geschehnissen ändern kann, ich mich vielmehr in die tragische Rolle eines zu Passivität verdammten Beobachters des täglichen Weltenbrandes fügen müsste.
Ich lese daher seit längerem nur noch zwei Arten von Nachrichten: Die Wissenschaftsmeldungen des IDW und TechNews. Die machen mir immer gute Laune. “Bahnbrechende Studie enthüllt Geheimnisse der galaktischen Ausströmungen”? Darüber erfahre ich gerne mehr. “Forschenden gelingt erstes 3D-Bild des dicken Filaments des Herzmuskels”? Ich weiß zwar nicht, was ein dickes Filament ist, aber die Nachricht stimmt mich hoffnungsfroh! “Der neue Snapdragon-Chip ist um 21% schneller als Apple’s M3-Prozessor? A new competition on the horizon?” Das klingt spannend, das interessiert mich, darauf klicke ich gerne. Es gibt so viele positive Meldungen in der Welt. Wer weiß, auch wenn es zynisch klingt, vielleicht hat der arme Philosophie-Student in Prag einfach zu viel Tagesschau geguckt.


