
đŠ Ponypapers
Es ist ja Adrians zweiter Besuch in dieser Stadt und nachdem ihm sein Stalker-Tuktuk-Fahrer (A. kam gar nicht mehr aus dem Hostel, ohne dass sein Tuktuk-Fahrer fĂŒr ihn bereit stand, ob er wollte oder nicht) praktisch alle SehenswĂŒrdigkeiten der Stadt gezeigt hat, kennt er sich bestens aus & kann daher das kulturelle Erbe gemÀà seiner Bedeutsamkeit ranken und mir das Wichtigste zuerst zeigen. Zuerst also die Killing Fields, morgen das Genozidmuseum. Es könnte ja auch etwas, oder sagen wir zumindest ein kleines bisschen, heiterer sein, aber gut, gut, das Wichtigste zuerst. Also fahren wir zu den Killing Fields mit dem Motorroller (ich hinten drauf), wir beide in T-Shirts (wie dumm), und ich denke, unser Killing Field werden wir schon finden. Obwohl nicht vollkommen ahnungslos, ist es dann mit dem Humor aber erstmal vorbei. –
Die Völkermorde anderer Herren LĂ€nder, vor allem entfernterer, befinden sich ja hĂ€ufig in einem vagen Randbereich des Halbwissens unter âferner liefenâ. Ăberhaupt scheint es eine gewisse Tendenz zu geben, dass GrĂ€ueltaten als Taten und Geschehnis sich nicht nur der Möglichkeit der VergegenwĂ€rtigung entziehen, sondern dass das Bewusstsein mit seinem Hang zum trĂ€g Behaglichen sowieso scheut, was unangenehme GefĂŒhle hervorrufen könnte. âSchon wieder eine Reportage ĂŒber einen nicht aufgearbeiteten Genozid? Schalt mal weiter, vielleicht kommt woanders ein netter Spielfilm.â Klar, etwas veraltet fĂŒr die Netflix-Generation, die ihr Selbstbild nicht einmal durch den Akt des Umschaltens trĂŒben muss. Da Daten und Fakten auch noch ungern im GedĂ€chtnis verweilen, seien hier die Groben zusammengefasst:
1975 siegte Pol Pot mit seinen kommunistischen Truppen und nahm die Hauptstadt Phnom Penh ein. Kambodscha befand sich damals im BĂŒrgerkrieg. Bauern waren zuvor aufgrund von Hungersnöten in die StĂ€dte geflohen, die ihnen nichts boten. Die vorherige Regierung war hart gegen sie vorgegangen. Die USA hatten zahlreiche Bomben ĂŒber Kambodscha abgeschmissen (mehr als ĂŒber Europa im zweiten Weltkrieg), um Versorgungslinien der Kommunisten in Vietnam abzuschneiden.
Pol Pot war Sohn reicher Bauern, er bekam sogar die Möglichkeit zu studieren und ein Stipendium fĂŒr technische Studien in Frankreich, allerdings bestand er nicht die AbschlussprĂŒfung. Aber vielleicht interessierte ihn das Studium auch nicht mehr groĂ. Andererseits ist dieser spĂ€tere Hass auf „das Intellektuelle“ schon bemerkenswert. Er war schon als 18-JĂ€hriger mit demokratischen politischen Ideen in BerĂŒhrung gekommen, nun auch mit kommunistischen. Bekanntschaften wurden geschlossen, Verbindungen geknĂŒpft. So begann sein Werdegang vom Studienstipendiaten ĂŒber seine RĂŒckkehr nach Kambodscha und seine LehrtĂ€tigkeit bis hin zu seinem Aufstieg zum âBruder Nummer Einsâ der Angka.
Die Angka, so nannten sich die Revolutionstruppen um Pot und die spĂ€tere Regierung selbst. Die Angka, was so viel heiĂt wie âdie Organisationâ, war ĂŒberall prĂ€sent. Die FĂŒhrungspersonen blieben weitgehend geheim, die Bevölkerung erfuhr zu groĂen Teilen erst nach dem Ende der Herrschaft, dass sie von jemandem namens Pol Pott regiert worden waren. Die Angka werden in Quellen zumeist als Rote Khmer bezeichnet. Diese umfassen aber auch andere kommunistische Truppen (vom damaligen Prinzen wurden alle linksgerichteten Bewegungen in Kambodscha so genannt), die zum Teil mit P. Pot zusammen arbeiteten, fusionierten oder auch spĂ€ter ausgemerzt wurden.
1975 war P. Pott mit seinen Angka an der Macht. Sie vertrieben zunĂ€chst die Bevölkerung aus den StĂ€dten – Phnom Penh wurde eine Geisterstadt. Auf dem Land musste die Stadtbevölkerung Zwangsarbeit auf den Feldern leisten. Tausende starben bereits bei den ZĂŒgen nach drauĂen (wer stehenblieb wurde niedergeschlagen) oder in Folge von EntkrĂ€ftung und Krankheit.
Die Angka töteten ihre âFeindeâ: Intellektuelle, d.h. Professoren, Ărzte, Lehrer oder wer ĂŒberhaupt eine Brille trug, denn die âneuen Menschenâ waren verderbt durch den Imperialismus. Buddhisten wurden umgebracht, Religion wurde verboten. Die vietnamesische Bevölkerung, die Cham (muslimische Bevölkerung) und einige andere ethnische Minderheiten und Bergvölker wurden ausgemerzt. Aufgrund der spezifischen Vernichtung bestimmter âEthnienâ wird das systematische Morden als Genozid eingeordnet und darĂŒber hinaus auch als Autogenozid, da es sich massenhaft auf die eigene ethnische Bevölkerung der Khmer erstreckte.
Die Bauern jedenfalls sollten der unverdorbene Urgrund der neuen Ăra werden, und es waren die jungen, analphabetischen Landwirte oft unter 20 Jahren, unter denen Pol Pot seine Folterknechte und Mörder rekrutierte.
Geld wurde innerhalb des Staates abgeschafft, der Reis sollte das geniale, absolute Exportgut werden. Historiker prĂ€gten spĂ€ter das Wort âSteinzeitkommunismus fĂŒr diese Ăra. Tempel wurden verwĂŒstet und zerlegt, die Industrie des Landes lahmgelegt, Fabriken und Maschinen zerstört, Schulen geschlossen. Ein wirtschaftlicher, idealistischer und bildungstechnischer Wahnsinn, ein Geist der Destruktion, wie er sich kaum vorstellen lĂ€sst, warf das Land binnen Monate um Jahrzehnte technologischer Entwicklung zurĂŒck.
Ăberall witterte man Feinde. Hatte man angeblich einen gefunden, wurde seine ganze Familie nach Möglichkeit ausgelöscht – das Unkraut sollte mit der Wurzel vernichtet werden.
In den FolterrĂ€umen wie denen des S-21 erzwang man sich GestĂ€ndnisse und fand stets neue Feinde. Unweigerlich fĂŒhlt man sich an die Inquisition und die Hexenprozesse der Neuzeit in Europa erinnert. Immer mehr Genossen wurden zu VerrĂ€tern deklariert, die Stelle des Folterknechts konnte schnell zur neuen und letzten Rolle des Insassen wechseln.
Der Kader war dermaĂen paranoid, dass er auch nicht vor der Selbstdezimierung halt machte, so dass am Ende die HĂ€lfte der eigenen Leute als Feinde eliminiert worden waren.
Die Angka waren bis Anfang 1979 an der Macht, dann wurden sie von vietnamesischen Truppen besiegt, die eine Regierung einsetzten und noch lĂ€ngere Zeit mit einem Guerillakrieg beschĂ€ftigt waren, wĂ€hrend LĂ€nder wie GroĂbritannien, Deutschland, Australien, die USA, vor allem aber Thailand und Malaysien die âroten Khmerâ als legitime Regierung anerkannten. Nicht zuletzt befĂŒrchteten sie die wirtschaftliche Vorherrschaft Vietnams. Trotz des Völkermordes saĂen die roten Khmer bis 1993 im UN-Rat. Als Kambodscha 1979 von einer Malariaepidemie heimgesucht wurde, schaute die UN untĂ€tig zu.
Bis 1979 hatte Pol Pott von einer Gesamtbevölkerung von 7 bis 8 Millionen Einwohnern 2.000.000 umgebracht, durch Mord oder durch Zwangsarbeit bzw. deren Folgen. Diese Zahl ist ein SchĂ€tzwert, der je nach Quelle von 1.500.000 – 3.000.000 reicht.
Das Killing Field: Choeung Ek
Was also die Killing Fields sind, kann man sich bereits vorstellen. Es wurden ĂŒber 300 Killing Fields gefunden. Eines der gröĂten befindet sich direkt bei Phnom Penh, 13 km von der Innenstadt entfernt. Aus einem der berĂŒchtigsten und tödlichsten GefĂ€ngnisse (nur 12 Ăberlebende sind bekannt), dem S-21, ging es fĂŒr die gefolterten Menschen zu ihrer HinrichtungsstĂ€tte, nachdem der Platz im FoltergefĂ€ngnis fĂŒr die Toten zu knapp geworden war. In Bussen in der Nacht wurden sie hintransportiert, Augen verbunden, HĂ€nde geknebelt. Weil ihre Zahl bald so groĂ war, dass man nicht mehr alle an einem Tag hinrichten konnte, baute man noch ein GefĂ€ngnis nebendran. In der Nacht wurden Neonscheinwerfer angeschaltet, die Menschen wurden zu den Gruben gefĂŒhrt, wo sie sich hinknien mussten. Propagandamusik ertönte aus den Lautsprechern, um die Angst- und Todesschreie der Menschen zu ĂŒbertönen.
Weil Geschosse laut sind und weil man Kugeln sparen wollte, erschlug oder erstach man die Menschen mit demjenigen, was man zur Hand hatte: Bambuslatten, Bajonette, Ăxte. Auf der Liste wurde ein Haken gemacht, die Kehle durchgeschnitten, Gift in die Grube geworfen. Das Killing Field von Phnom Penh ist so groĂ wie ein kleiner Park. Es wurden schĂ€tzungsweise 20.000 Menschen dort getötet. In einer der Gruben fand man mehr als 400 Skelette. Die SchĂ€del & Knochen hat man zu einem groĂen Teil geborgen (5000 SchĂ€del, Leichenteile von ĂŒber 8000 Menschen), auch wenn es vermutlich weitere GrĂ€ber gibt, die unter dem angrenzenden See liegen. Die menschlichen Ăberreste werden in einer Gedenkstupa aufbewahrt. Durch eine Glasscheibe kann man die untersten SchĂ€delreihen betrachten. Aber ab & zu und nach RegengĂŒssen tauchen noch Knochen aus der Erde auf. Man hat entschieden, die restlichen Leichenteile in den Killing Fields ruhen zu lassen.
Entlang des Rundwegs mit seinen Hebungen und Senkungen, den nun fast gelehrten Gruben, stehen schattenspendende BĂ€ume. Es könnte wie ein freundlicher Park wirken. Einen von den BĂ€umen nennt man den Killing Tree, an diesem hat man die Frauen von ihren Kleinkindern und SĂ€uglingen getrennt. Den Frauen wurden die Klamotten weggerissen, dann hat man sie ermordet. Die SĂ€uglinge fasste man an den FĂŒĂen und zertrĂŒmmerte sie am Baum. AnschlieĂend warf man sie in die Grube. Als man das Killing Field entdeckte, war noch getrocknetes Blut an der Rinde. Heute hĂ€ngen am Killing Tree kleine bunte ArmbĂ€nder zum Gedenken fĂŒr die Kinder und SĂ€uglinge, die hier gestorben sind.
đŸ Panthapapers
Wir leihen uns ein Moped und fahren hinaus zu den âKilling Fieldsâ, einem der gröĂten Mordanlagen der Khmer Rouge, wo man in den spĂ€ten 70ern die inneren Feinde des Regimes exekutierte. So notorisch effizient wie wir Deutschen hat man das allerdings nicht hinbekommen, es fehlte die Chemie, die Technokratie, auch ein wenig die moderne Ideologie.
Ein stinkender Generator polterte laut vor sich hin, um die nĂ€chtlichen Gewaltszenen mit grellem Scheinwerferlicht zu beleuchten, und schrĂ€ge Revolutionslieder plĂ€rrten aus Lautsprechern in den BĂ€umen, wĂ€hrend man mĂŒhsam Nacken um Nacken mit alten Feldspaten brach, Kehlen mit scharfer Rinde aufschlitzte und Kinderköpfe mit viel Schwung an BaumstĂ€mmen zertrĂŒmmerte. Eine Menge Handarbeit also und Steinzeit verglichen mit dem, was die lieben VorvĂ€ter und -mĂŒtter in unserem sel’gen Heimatland âzuwegeâ brachten. Aber ich fĂŒrchte, der Teufel ist mit allen Mitteln einverstanden und hat auch hier prĂ€chtige Feste gefeiert und tolldreistem Horror und Wahnsinn mit triefendem Lachen das Geleit gegeben. Wie gut, hier wieder weggehen zu dĂŒrfen.