Sonntag 31.12. Phnom Penh

🩄 Ponypapers

Fahren wir fort mit dem Genozidmuseum: Toul Sleng:  S-21, eines von 200 GefĂ€ngnissen.

Das S – 21 oder Toul Sleng, wie es hinter vorgehaltener Hand von den Menschen genannt wurde – “der Ort, von dem man nicht zurĂŒckkehrt”, war das berĂŒchtigste FoltergefĂ€ngnis der Angka. Es wird geschĂ€tzt, dass hier 12 000 – 20 000 Menschen eingekerkert wurden.

Ehemals war das GefĂ€ngnis eine Schule mit großem Hof und verschiedenen angrenzenden GebĂ€uden. Die TurngerĂ€te des Schulhofs wurden von den Angka als FoltergerĂ€te umfunktioniert. Es gibt grĂ¶ĂŸere Sammelzellen, dort lagen die Menschen in Reih und Glied auf dem Boden mit Eisenfesseln an eine Metallstange gefesselt. Wenn die Folterungen begannen, wurden sie in Einzelzellen verlegt. 

Zwischen den RĂ€umen des einen GebĂ€udes hat man DurchgĂ€nge gebrochen, sodass man ungehindert von einem “Schulzimmer” ins andere gehen konnte. Rechts und links hat man mit Ziegeln kleine Zellen gebaut, groß genung, dass ein Mensch darin liegen kann. Das sind die Einzelzellen.

In einem anderen GebĂ€ude sind grĂ¶ĂŸere Zellen, hier wurden die Menschen auf ein Metallbett gefesselt und gefoltert. Sie wurden geschlagen, bekamen Elektroschocks, ihre HĂ€nde wurden zertrĂŒmmert, HundertfĂŒĂŸler wurden auf ihren Unterleib gelegt, sie wurden nahe an ihren Erstickungstod gebracht. Es war wichtig, dass die Menschen ihre Untaten “gestanden”, bevor sie hingerichtet wurden. Sie sollten keinesfalls bei der Folter sterben, was hin und wieder vorkam. Drohte ein Mensch bei der Folter zu sterben, wurde pausiert und ein “Arzt” geholt. Da man aber nahezu alle Ärzte des Landes umgebracht hatte, war ein Arzt jemand, der in einer ein paar Wochen andauernden “Ausbildung” gelernt hatte, wie man eine “stĂ€rkende” Spritze mit Essig und Mehl in eine Ader stĂ¶ĂŸt. Oder so Ă€hnlich. Sie hatten nur mit Kissen geĂŒbt. 

Einem NeuseelĂ€nder, der mit seinem Schiff auf Weltreise war, unterlief der Fehler, an der KĂŒste Kambodschas anzulegen. Als er gefangen genommen im S – 21 seine Verbindungen zur CIA endlich preisgeben sollte, verfiel er schließlich auf die Idee, amerikanische Popstars aufzuzĂ€hlen. Dies erschien den Angka durchaus plausibel, womit das Leiden dieses Mannes ein Ende fand. Hatte man gestanden, wurde man umgebracht.

Es war verboten, wĂ€hrend der Folter zu schreien. Wer schrie, bekam weitere Elektroschocks oder SchlĂ€ge. Hier sind die Regeln fĂŒr Insassen abgetippt:

The Security Regulations

  1. You must answer accordingly to my questions. Don’t turn them away.
  2. Don’t try to hide the facts by making pretexts this and that. You are strictly prohibited to contest me.
  3. Don’t be a fool for you are a chap who dare to thwart the revolution.
  4. You must immediately answer my questions without wasting time to reflect.
  5. Don’t tell me either about your immoralities or the essence of revolution.
  6. While getting lashes or electrification you must not cry at all.
  7. Do nothing, sit still and wait for my orders. If there is no order, keep quiet. When I ask you to do something, you must do it right away without protesting.
  8. Don’t make pretexts about Kampuchea krom in order to hide your jaw or traitor.
  9. If you don’t follow all the above rules, you shall get many many lashes of electric wire.
  10. If you disobey any point of my regulations you shall get either ten lashes or five shocks of electric discharge.

Bilder der Folterknechte und Henker hÀngen heute in den AusstellungsrÀumen. Sie sind sehr jung. Auch Bilder der Getöteten hÀngen dort.

Den Gefangenen wurde eine Nummer gegeben, der Name und die IndividualitĂ€t sollten ausgelöscht werden. Ein Foto machte man zu Beginn, so gibt es sowohl Portraits als auch einige Aufnahmen der ganzen Person und ein Foto am Ende, wenn denn der Gefangene in S-21 starb und nicht in den Killing Fields. Es sind ausgemergelte, zerschundene Körper, nackt, das Bild ihrer Nummer oder ein Tuch ist ĂŒber die Intimzone gebreitet. Am Ende wollte man die Beweise verbrennen (womit man allerdings nicht mehr fertig wurde), daher weiß man bei vielen Menschen nicht mehr von ihrem Verbleib oder den Ort, an dem sie umgekommen sind. Bei den Akten, die ĂŒbriggeblieben sind, ist neben den Fotos auch eine Kurzbiographie enthalten, worin auch vermerkt wurde, wann derjenige ins GefĂ€ngnis kam und wann er es als Verurteilter verließ. Einige waren, wie ich sehen kann, ein paar Monate dort, andere ein halbes oder ganzes Jahr. Die Akten sind unterschiedlich lang. Die Akte einer Frau, die einem hingerichteten FunktionĂ€r Liebesbriefe schrieb, ist 500 Seiten lang und damit sogar weit umfangreicher als diejenige von Kadern. 

Die Bilder der Getöteten zeigen ganz unterschiedliche Menschen, auch hier sind viele sehr jung. Man sieht MĂ€nner, Frauen, Kinder. Einige blicken trotzig, wĂŒtend, hasserfĂŒllt, andere Ă€ngstlich, einigen sieht man an, dass sie zuvor geschlagen wurden oder bereits ausgemergelt sind von der Zwangsarbeit. Einige aber lĂ€cheln wie auf Bewerbungsfotos, andere ganz offen und herzlich, vielleicht wollen sie das Beste aus der Situation machen, vielleicht denken sie, dass es nicht so schlimm kommt, in ihren Augen ist Hoffnung. Aber sie hoffen umsonst. Es gibt nur 12 Überlebende.  

Zum Weiterlesen: https://www.nzz.ch/gerechtigkeit_oder_versoehnung_in_kambodscha-ld.556512

đŸŸ Panthapapers

An diesem letzten Tag des Jahres 2023 besuchen wir S-21, Tuol-Sleng, die Folterkammer des Rote-Khmer-Regimes. Die TĂ€ter waren fast ausschließlich Teenager. Ein Alter, das prĂ€destiniert ist fĂŒr Grausamkeiten. Unschuldig und nichts ahnend, nichts erinnernd stehen nun die RĂ€ume, manchmal mit Bildtafeln, manchmal nur mit den alten Metallpritschen und den Fotos, die die vietnamesischen Soldaten von den Leichen aufgenommen haben, die auf eben diesen Pritschen vorfanden, als sie in S-21 ankamen. Ewig schuldig wirken nur Rost und Stacheldraht. Den hatte man angebracht, weil einzelne Gefangene aus dem zweiten Stock in den Tod sprangen, um der Folter zu entgehen. Einer rammte sich eben denjenigen Bleistift in den Hinterkopf, mit dem er sein GestĂ€ndnis unterschreiben sollte.

Seltsam, dass das die WĂ€rter ĂŒberhaupt störte. Die Gefangenen waren sowieso zum Tode verdammt. Aber die BĂŒrokratie musste stimmen. Bis zu 500 Seiten Papier wurden bei manchen mit Vermerken gefĂŒllt. Wer nicht wegsterben konnte, gestand natĂŒrlich alles, was man ihm in den Mund legte, Konspiration, Sabotage, Spionage fĂŒr die CIA, den KGB oder beide zusammen. Wer wegen der Schmerzen schrie, bekam extra Strom- und StockschlĂ€ge. Wer sich einpisste, musste den Urin vom Boden lecken. Wie bei anderen Folterpraktiken zur Wahrheitsfindung möchte man meinen, jemandem wĂŒrde im Laufe der Jahre auffallen, dass die Methode ihre SchwĂ€chen hat. Aber mitnichten.

Erneut leicht lĂ€diert vom Hauch vergangenen Wahnsinns starten wir in den Silvester-Abend. Letztlich stehen wir kurz vor Mitternacht an der Riverside im unvorstellbaren Stau von Tuktuks, Mopeds und Autos. Sobald sich irgendwo zwei Zentimeter auftun, starten alle ihre Motoren und pusten Kohlenstoffmonoxid ins Antlitz unbedarfter Radfahrer. Zudem beginnt das wilde Geböller am Himmel und Rauchschwaden fĂŒllen den Raum bis zur mittleren StratosphĂ€re. Ein wahrhaft atemloser Jahreswechsel, eingequetscht in die zĂ€hen Vehikel- und Menschenströme, die sich allesamt gleichzeitig ins neue Annum pressen. Der Weg zurĂŒck wird noch schlimmer als die Hinfahrt. Gegen drei Uhr sind wir einfach nur glĂŒcklich, wieder im Bett zu liegen.

Nach oben scrollen