
🦄 Ponypapers
Endlich der Aufbruch. Wir fahren an der großen Straße entlang & ich denke über Museen nach. Ich denke, dass ich Museen eigentlich nicht mag. Aber (ja, rhetorische Glanzleistung), warum eigentlich nicht?
Normalerweise sind es sterile, kalte Gebäude und es hängt Zeugs rum & man soll in irgendeiner Art ergriffen sein.
Es sind Kunstwerke. Also man geht dorthin und erwartet, dass ohne Geschichtsstunde und Kontext da etwas zu einem sprechen würde, das man empfinden würde und unmittelbar verstehen: Das da ist große Kunst. Aber ganz ehrlich: Normalerweise spricht da nichts zu niemand. Man steht da & denkt: “Oha, ein Portrait – in Öl – hm markante Gesichtszüge, halt etwas dunkel.” Und geht weiter. Da sind die Erwachsenen und spielen Museumsbesuch. Ernste Gesichter, die wohldosierte Geschwindigkeit. Ah ja? Also das Bild – nun das findest du wirklich interessant, dem gibst du eine Minute und versuchst schon mal nen ollen Gedanken aus dem Hirn herauszuquetschen, damit man darüber reden kann. “Also das Mädchen in Grün etc.” Auch das Unverständnis ist natürlich populär: “Also das meiste hat mich ja kaltgelassen, aber…”
Nein, nein – ich glaube den Menschen nicht, die da im Museum herumspazieren und mir, mir glaube ich auch nicht. Da hast du dich also einmal entschieden, Turner zu mögen und Munch. Da stehst du dann deine 5 Minuten vor dem Munch: “sehr flächig, skizzenhaft. Da scheint ja noch Leinwand durch – sieht man bei den Drucken gar nicht..” Oh ja, geistreich, geistreich. Aber, was bleibt denn der nicht-malenden Bevölkerung übrig, die vermutlich noch nicht mal kommentiert: “Es ist doch eher Kobalt als Ultramarin & ich dachte immer, es wäre Ultramarin. Na, sowas.”
Vermutlich denkt sie noch nicht mal, “boah, jetzt steh ich mir schon ne halbe Stunde die Beine in den Bauch. Gleich Mal der Museumsshop & dann ein Stück Preisbeerkuchen – aber mit Sahne!”
Ne, der Museumsbesucher denkt: “Also davon, davon bin ich jetzt aber wirklich beeindruckt. Das ist, das ist – ach – ach wirklich. —- Ja, also wie heißt das Bild? Ah, ja, und die Farben, das Licht – Ah die 52 im Katalog – Impressionsismus. Ja, das Licht – habe ich direkt gewusst, also gespürt, empfunden.”
Diese verstaubten Bilder in den kalt weißen Museumsräumen & die kleinbürgerlichen Intellektuellen, die sich selbst nicht zugeben können, dass Kunst sie nen Scheiß interessiert & dass sie rein gar nichts empfinden & sich bloß freuen auf ihren Preiselbeerkuchen & den Museumsshop – ja, da möcht ich doch kotzen.
Aber es gibt auch die II. Kram-Museen.
Irgendwelcher Plunder, der schon längst das Zeitliche gesegnet haben sollte: “Mit diesem Löffel hat Gorbatschow seinen Kaffee umgerührt und irgendein verrückt (aber meist recht sympathischer, weil so wunderbar verschrobener) Heini leitet eine kleine Herde Gebildeter durch den Plunder. Jemandem wird ne Lupe gereicht und Herr Meier (Studienrat) guckt dann brav duch die Lupe, ob er die genannte Innschrift auf ner Medaille findet. Was er natürlich tut, worüber sich die ganze Versammlung prächtig freut und Frau Schulz (Bibliothekarin) fragt dann auch nach der Lupe, sie will auch die Inschrift sehen und der Heini freut sich wie blöde, weil er glaubt, dass sich irgendwer für seinen Kram interessiert.
Tut nur keiner. Man ist nur höflich & will Heini nicht enttäuschen, der mit viel Liebe und den Geldern einer Stiftung hier offensichtlich sein Leben – seien wir so hart – verschwendet.
Nun gut, dann würde man ja glauben, dass die Herde nach bitterlichen zwei Stunden draußen ein wenig lachen würde: Über sich, den Kram, die Menschen im Allgemeinen, über die Nostalgie etc. Aber dem ist nicht so. Gnadenlos geht das Schauspiel weiter:
Herr Geier (Steuerberater mit Hang zur schönen Literatur) sagt zu Frau Gans (Sozialpädagogin): “Ja also, wenn man dann das Paket sieht mit der Anschrift, und das Paket ging an die Front, aber konnte nicht zugestellt werden…. Wie nah das dann rückt.” Und Frau Gans? Die nickt bedächtig mit dem Kopf.
III. Oh Graus, oh Graus. Es kann noch schlimmer kommen: Immobilien. Obwohl meist das Leben einer “Größe” gezeigt werden soll, ihr Alltag, ihre Umgebung, ihr Arbeitsumfeld, gähnende Sterilität.
“An diesem Schreibtisch hat er gesessen.” ….
“Das Bett stand an genau dieser Stelle. Es war für ihn üblich, einen Mittagschlaf um 13 Uhr zu halten.”
“Das Bad hat man etwas umgestaltet und auch die Vorderräume…” Bla, bla, bla…
Also wenn das mal nicht zum Schreien komisch ist. “Da saß er und hat in dieses Kissen seine Fürze gedrückt.” Kann ein solches Museum eigentlich noch an Spießigkeit übertroffen werden? Ich glaube kaum.
Nun gibt es da noch eine kleine innerweltliche Diskrepanz zu erwähnen: Also wie gesagt: Man möchte nicht ins Museum oder auch genauer ausgedrückt: Ich möchte nicht ins Museum, aber gerate da durch irgendeinen Zufall doch hinein, irgendwer hat mich mitgeschleppt oder war so dermaßen überzeugt begeistert, dass ich hinterher gestolpert bin, und nun ja, habe mir also zwei Stunden lang die Beine in den Bauch gestanden, mich die ganze Zeit auf den Preiselbeerkuchen gefreut (ja tatsächlich, seht nur, ich schließe von mir auf andere – ganz recht), gedacht, dass das Mädchen in Grün wirklich was Besonderes ist und der Künstler tatsächlich Kobalt & nicht Ultramarin genutzt hat, wie ich immer dachte. Also ich habe mich angstrengt, bemüht und bin gescheitert, weil ich keine besonderen Empfindungen habe, aber jetzt unbedingt den Preiselbeerkuchen haben will, aber bei all dem bereue ich doch (so gut wie) nie, im Museum gewesen zu sein.
Es war alles in allem grässlich, man hat Rückenschmerzen und gewaltiges Kopfweh, bloß raus hier! Denk ich am Ende & doch wirbelt es so hübsch den Kopf durcheinander, dass er mich die halbe Nacht voll quasselt. Über das Mädchen in Grün oder warum ich Museen nicht mag.
Und so denk & träum ich halb und ich weiß meine Gedanken wollen zu den Killing Fields & wollen es nicht, da reißt ne Sirene und Blinklicht mich aus den Gedanken. Auf der Gegenspur steht ein Polizeiauto und auch andere Autos und Motorräder stehen. Und es halten immer mehr Leute. Und da liegt ein Motorrad und da liegt ein Mensch auf dem Bauch. Und sein Gesicht schaut zum Pflaster und niemand beeilt sich mehr oder rennt. Der da, der noch kurz vorher, vor 5 Minuten oder so auf dem Motorrad saß und vielleicht zur Arbeit fuhr, der ist jetzt Matsch & der lebt nicht mehr.
Wir sind auch schon vorbei am Unfall & an den stehengebliebenen Menschen, die noch ein wenig mehr vom Drama erhaschen wollen, das sie nicht ereilt hat. Und zuhause, da ist ne Frau und da sind Kinder, für die der Vater noch lebt & die nichts wissen von dem Drama, das auf sie zukommt & dass dieser Abend ein ganz furchtbarer sein wird für die Familie. Der Mann, der da vorhin auf seinem Motorrad saß und zur Arbeit fuhr, etwas träumte, ein Innenleben mit allem Drum & Dran. Zack, bumm, ist es weg, ist alles von ihm weg. Kommt nichts. Ohne Vorwarnung. Das ist so schrecklich & gemein, dass es einem den Magen umdreht.
Wir biegen ein, in die Feldwege, weg von den Autos, aber ich denk nur daran, dass alles für nix ist & alles für für nix gewesen sein wird.
🐾 Panthapapers
Um halb 5 aufstehen und ab in den Großstadtverkehr. Udong, unser Ziel, war sogar eine Zeit lang Kambodschas Hauptstadt. Daran erinnert heute nur noch wenig außer einigen alten buddhistischen Bauwerken. Die sind hier weit häufiger als in Vietnam zu finden. In der weiten, ebenen Landschaft wurden sie auf alles gebaut, was sich auch nur ein paar Meter in die Höhe erhebt, auf jeden kleinen Hügel. Aber auch im selben Stockwerk ist manches heilige Gebäude zu entdecken. Die Mauern mit ihren sorgfältig angebrachten Ornamenten, die sauberen Innenhöfe, die blühenden Bäume darin grenze sie deutlich von der sonstigen Umgebung ab, die glänzend goldenen Spitzen der Gebäude recken sich weit in die Höhe, hinaus aus einer ständig wüsten, wirren Welt, vollendet konzentriert in Eins.
In dem Hof und der Herberge, in die wir einkehren, hingegen, wuseln Kakerlaken. Der junge Typ, den wir aus seiner Hängematte aufschrecken, hört nicht mal auf, am Handy zu spielen, als er uns die Treppe hinauf und zum Zimmer führt. Allein für die Preisverhandlung blickt er kurz vom Bildschirm auf, aber auch das ist ihm schnell zu langweilig. Eine halbwegs günstige Nacht.

