Mittwoch 10.1.2024 Siem Reap (24 km)

Mittwoch 10.1.2024 Siem Reap (24 km)

🩄 Ponypapers

Yeah – unser erster Tag in der Tempellandschaft. Ich bin zuversichtlicher als man meinen könnte. Als 8-JĂ€hrige hĂ€tten mich keine zehn GĂ€ule zu irgendeiner Art von Besichtigung von Kirchen gebracht. Aber nun – habe ich ja nicht mehr nur die emotionale und geistige Reife einer 8-JĂ€hrigen. Mein neuer Optimismus hat aber wahrlich andere GrĂŒnde. 

Habe jetzt schon ziemlich lange Zeit nicht gemalt & nicht getöpfert, nicht gezeichnet & nichts gebastelt. Aber seit einer Weile begleitet uns das frohgemut oberflĂ€chliche Klicken  der Kamera. Klick – Klick

Und was soll ich sagen: Wenn du malst und hast da ein Motiv in der Natur, frag dich zunÀchst: Hast du bereits das beste Motiv in der Umgebung? Sieht es um die nÀchste Ecke nicht schöner aus? Malt da das Rot nicht rosiger, das Licht nicht goldener, der Schatten nicht tiefer?

Aber nun hast du dich entschieden, hast ein herrlich Motiv. Doch welche Ansichtsseite wĂ€hlst du nun? Oh, von vorne hervorragend, von hinten interessanter, von unten ungewöhnlich. So: Hast dich fĂŒr ne Seite entschieden. Aber wie sieht es jetzt mit Licht & Tageszeit aus? Und willst du’s zart oder hart?

Die nĂ€chsten acht Stunden bist du gebunden. Da können noch andere, viel schönere Lichter im Wechsel der Tageszeit kommen, oder du wirst demnĂ€chst feststellen, dass es doch ein viel schöneres Motiv drei Ecken weiter gibt, oder eine andere Ansichtsseite dynamischer gewesen wĂ€re. Aber nun ist es zu spĂ€t, du hast gewĂ€hlt, du kannst nur noch abbrechen  oder es zumindest zu Ende bringen.

Aber mit einer Kamera ist alles ganz anders. Klick, klick, andere Seite. Klick, klick, um die Ecke: Klick, klick, klick. 

Kommst du als Maler mit einem einzigen bescheidenen Bild deines bescheidenen Talentes nach Haus, schleppt ein Fotograph eine Beute von 400 heim. Licht & Motiv haben sich selbst aufs Bild gebannt. Nur wie ein JĂ€ger ging er umher, gierig nach Beute, nahm alles mit, was er sah. Konnte nichts stehen lassen, an nichts vorbei gehen, kein ruhiger Moment: Klick, klick. 

Nein, nicht er bannte das Motiv auf seinen TrĂ€ger! Licht & Schatten hat er alles abgeluchst. Ein fahler Dieb mit fixen Fingern – heißt sich selbst ein Fotograf. 

Ich sag euch was: Ich ging auf seinen Wegen, ich lernte seine Schlichen, ins Dickicht folgt ich ihm. Diese Beute, die macht gierig, von dieser Beute will man mehr. Dieser Beruf, so sag ich euch, der ist nicht ehrlich. Von diesem Beruf will ich mehr!

Klick! Klick!

đŸŸ Panthapapers

Angkor (prĂ€ziser Hariharalaya) war politisches und religiöses Zentrum der Khmer von etwa 800 bis ins 15. Jahrhundert. Also wĂ€hrend dem Zeitraum, in dem sich in Europa Hochmittelalter, SpĂ€tmittelalter, Renaissance und beginnende Neuzeit abspielten. Einige Leute hatten herausgefunden, wie man die BewĂ€sserungstechnik so gestaltet, dass man das Wasser der Regenzeit aufspeichern und in der Trockenzeit fĂŒr Reisfelder verwenden kann. Der resultierende NahrungsĂŒberschuss nĂ€hrten Untertanen und Armeen und ermöglichten den Aufstieg einer kleinen Lokalmacht zum Großreich. Die Tempel, die dieses seine Kriegsgefangenen bauen ließ, dienten dann in dieser Reihenfolge der Verehrung Shivas, dann der Vishnus (12. Jh.), der Buddhas (Mahayana), dann wieder der hinduistischer Gottheiten (man entsorgte oder recycelte die Buddha-Statuen) und zuletzt erneut der Buddhas (ab ca. 1300 bis heute) in der Variante aus Sri Lanka, bis sich einige Handelsrouten verĂ€nderten, die politische Macht schwand und man zur gleichen Zeit bemerkte, dass man, da man in diesem sogenannten Theravada-Buddhismus eigentlich sowieso wenig von fetten Tempelanlagen hĂ€lt, auf das ganze Steingeschleppe und -gehaue auch irgendwie verzichten kann. Man ĂŒberließ die meisten GebĂ€ude daraufhin dem Urwald, der sie sich gerne und geduldig einverleibte.

Im 15. Jahrhundert begannen die einstmals unterjochten Völker, zu mĂ€chtig zu werden und umgekehrt selbst ihre einstigen Herren, die Khmer, in AbhĂ€ngigkeit zu zwingen. ZunĂ€chst die Siamesen im Westen, spĂ€ter im 17. Jahrhundert auch die Annam im Osten, die VorgĂ€nger der heutigen Vietnamesen. 

Als Zeugnisse der einzelnen BlĂŒtezeiten des alten Reichs sind aber noch immer die vielen imposanten GebĂ€udekomplexe um Siem Reap zu bestaunen. Angkor Wat, das wir heute besuchen, mag auf jeden einen anderen Eindruck machen. Mir scheint es, ich wĂŒrde in einem Haus des Geistes stehen. Alle GebĂ€ude, alle Wege, GĂ€nge und Treppen wollen auf das Zentrum hin konzentrieren, ohne jedoch darauf zu zeigen. 

Wie gut, denke ich mir, dass hier schon so manches Pantheon zuhause war. So bleibt auf immer etwas offen, was nun eigentlich in jenes Zentrum gehört. All die Götter, denen hier gehuldigt wurde, die an diesem Ort Opfer und Gebete empfangen konnten. Was fĂŒr eine Pracht. Was fĂŒr eine HeimstĂ€tte der Transzendenz! Und das alles nur wegen etwas Wasser, ein paar Reiskörnern und einer guten Idee.

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