Donnerstag 11.1.2024 Siem Reap (51 km)

🦄 Ponypapers

Ein neuer Tag im Paradies, meine Täubchen! Ein weiter Park, Palmen, wildwurzelige Bäume, saftigstes Gras. Ein paar vorgelagerte Tempelbauten: Ein Säulengang, Licht- & Schatten-Wechselspiel. 

Ein langer, gerader Weg nach vorne. Links & rechts Seerosenseen und dahinter die fünf Türme zu Ehren der Götter & Göttinnen, die sich im Wasser spiegeln (die Türme, nicht die Götter). Verwinkelte Gänge, weitere Gärten, einzelne Tempel, hochstufige Treppen, ein einziges gigantisches Tempelreich, mitten im Urwald.

Dies ist Ankor Wat.

Der größte und herrlichste Tempel in einem noch größeren Tempelreich inmitten des Dschungels. Das Sonnenlicht gleitet durch die Ritzen der Säulengänge, durch die Fenster, durch die Baumkronen, malt hellere, intensivere Farben, umkränzt die Schatten. Die Zeit hat Flecken hinterlassen, die Ecken abgebrochen, die Kanten gerundet. Noch immer fein ziseliert die Reliefs, die Statuen, die Schlangen, Hunde & was zum Teufel auch der korrekte frühzeitlich asiatische Begriff für Wasserspeier ist.

Es ist zum umhauen. Zum in den Staub kriechen, sich ducken & winseln angesichts von soviel Schönheit. Zum auf die Knie fallen, zum Hände falten, zum Weinen und sich dabei großartig fühlen. Es ist zum traurig sein und sich klein fühlen, es ist zum Anbeten wollen & stumm bleiben. 

Es ist wunderschön.

Klick, klick 

🐾 Panthapapers

Was eigentlich ist eine Ruine? Lili hat in der ersten Begeisterung verkündet, sie wolle jeden Tempel besuchen, den es in diesem Gebiet zu finden gibt. Im Internet lese ich irgendwo die Angabe “über Tausend”, aber das behalte ich vorerst für mich. Heute fangen wir im weiten Umkreis bei den entlegeneren Exemplaren an – und treffen nach teils mühsamen Wegen manchmal nur auf ein paar behauene Steinbrocken. Was eigentlich ist eine Ruine?

Obgleich die Gegend nicht reich an Gestein zu sein scheint, hat sich Herrscher auf Herrscher die Mühe gemacht (nunja, machen lassen), neue Komplexe zu errichten, während in Reichweite eines Spazierganges die Konstrukte seiner Vorgänger dem Dschungel anheim fielen. Der Wald hätte den Königen eine anschauliche Lektion in Vergänglichkeit geben können. Selbst heute meint man gar Genuss zu spüren, mit dem Bäume mit ihrem Wurzelwerk riesige steinerne Portale umwachsen und unter sich zerknacken.

Dennoch kümmerte man sich nicht um die Gebäude, die der Prädessesor während seiner Amts- und Lebenszeit in die Welt setzen wollte. Kaum ins Geisterreich aufgebrochen, ließ man Hammer und Meißel fallen und zog zum nächsten, neuen Bauwerk weiter, das für unsterblichen Ruhm sorgen sollte. Nicht einmal, dass man die schon gehauenen Steine wiederverwendete. Die Nachwelt müsste vergleichen dürfen. Was sie nun auch eifrig tut.

Eifrig wie wir, die sich von Brocken zu Brocken weiter strampeln. 51 Kilometer über Sand, durch Gestrüpp, in und aus Sackgassen unter grellem Sonnbrillant, oft mit nur mäßigen Erfolgen belohnt. 

Am Ende dieses langen Tages liege ich neben Lili, bis zur Horizontalen erschöpft, endlich, endlich, im abendlichen Bett unter dem kühlen Strom der Klimaanlage. Ich fühle mich zuletzt wie die Antwort auf meine Frage: Was eigentlich ist eine Ruine?

Nach oben scrollen