Samstag 13.1.2024 Siem Reap

🩄 Ponypapers: Pause von Angkor Wat, die Gedanken bei Angkor Wat

“An dieser Stelle darf nicht gelacht werden!” Dass ich nicht lache.

Man sollte darauf achten, mit den HĂ€nden nicht ĂŒber die Steine & Reliefs zu fahren, nicht etwa, weil man mit seinen schimmeligen Fingern den Alterungsprozess beschleunigt, sondern weil dasjenige, was fĂŒr einen bloß ein hĂŒbscher Gegenstand ist, fĂŒr einen anderen etwas Heiliges und Unantastbares sein kann. Also auch hier: Respekt vor der Religion. Es gilt, sich anstĂ€ndig zu benehmen (siehe die Schulterbedeckung und das BerĂŒhrungsverbot, fast möchte ich schreiben von Affen, aber ich meine Mönche), nicht laut zu reden, zu lachen & im besten Fall andĂ€chtig durch die Hallen zu schreiten.

Und scheinen die alten GemĂ€uer nicht selbst zu sprechen: 

“Sieh mich an, ich bin grĂ¶ĂŸer als du, Ă€lter und weiser. Ich werde noch lange hier stehen, wenn dein Angesicht und alles, was du dachtest, liebtest, erstrebtest, schon lĂ€ngst von der Erde getilgt sein wird. Hier stehe ich und Du bist ein Besucher, den ich nur gnĂ€dig ĂŒber meine Schwelle treten lasse, einen Blick werfen auf das, was dem Dasein bei höchstem Streben möglich sein kann.

Ich bin die Vertikale zwischen Menschenschöpfung und Gottesgnade, zwischen Naturgewalt und Naturbeherrschung, zwischen dem Akt der Anstrengung, aus dem ich hervorging, und der geistigen Besinnung, die ich ermögliche. Du aber bist meiner nicht wert. Auf Knien solltest du kriechen – bis ich es dir eines Tages vll erlaube aufzustehen, geraden Blickes ĂŒber die GelĂ€nder meiner Balkone zu schauen und ĂŒber den Wipfeln meiner UrwĂ€lder zu stehen.”

So sprechen oder murmeln die Götter der alten Zeit, wĂ€hrend Touristenscharen in quietschend bunter Kleidung palavernd durch die GĂ€nge stromern, hier ein Foto, dort ein Foto. “Hast du gesehen, das ist ein Elefantenkopf”, “mach noch ein Foto von den Seerosen”, “ich bin hungrig, können wir
”, “das habt ihr Kinder echt toll gemacht, wie ihr
”

Schon allein aus Ă€sthetischen GrĂŒnden möchte ich mit Googles Fotoretusche & Radiergummifunktion ĂŒber all die Menschenleiber hinweg & nur – ja ausgerechnet – die Mönche ĂŒbriglassen. Die orangenen GewĂ€nder machen sich, wie Googles Angkor Wats Fotoempfehlungen behaupten, farblich wirklich hervorragend vor den kalten GemĂ€uern.

Welcher Art Geist wĂŒrde in solchen GebĂ€uden wachsen können? Welche “Geisteszucht” vonstatten gehen? Welche GrĂ¶ĂŸe daraus emporwachsen. DĂŒrfen wir nicht noch einmal einschlafen und den großen Traum weitertrĂ€umen? 

Aber die Forderungen der Tempelgötter sind leise, kaum hörbar und schnell vertrieben von meinem jagenden Klick, Klick der Kamera, welche die Schönheit konservieren, behalten, anstatt erleben will. 

Und in Wahrheit weht auch kein Wind des Geistes durch diese Hallen, gibt es weder ein Tempel- noch ein GottesflĂŒstern, das durch diese GĂ€nge raunt & all die gefĂŒhlte Kleinheit menschlicher Existenz wie potenzieller GrĂ¶ĂŸe entspringt nur deinem eigenen Hirn. Es ist deine Stimme, die als verzerrtes, fremdes Echo zu deinen Ohren zurĂŒckkehrt.

Und so wirkt so manches TrĂŒppchen Westler mit ihren umhĂŒllten Schultern, ihren gedĂ€mpften Stimmmen, ihren gerunzelten Stirnen ganz lĂ€cherlich auf mich:

Sie glauben ja noch nicht mal!

Und der schale Kompromiss zwischen dem hemmungslosen, ja, schon zur Schau getragenen Kapitalismus einerseits (wow, die Einnahmen von Dezember 2023 ĂŒbersteigen 4,5 Millionen Dollar) und der geforderten Geistigkeit & Besinnung andererseits ist wohl kaum ĂŒberzeugend zu nennen. Ist denn “religiöse Wahrheit” etwas so beliebiges, dass wir schulterzuckend sagen: “naja, also wenn ich als Frau dann eben unrein bin, dann bin ich das ja auch in seiner Wahrnehmung und habe das zu tolerieren.”

Ich habe mich da zu vermummen & zu beknien oder wahlweise zu bekreuzigen, ich Atheistlein hab mir gefĂ€lligst mein Lachen zu verkneifen, denn das allerletzte, was ich möchte, ist, jemanden in seinen eingebildeten GefĂŒhlen von Heiligkeit zu krĂ€nken oder zu verletzen – denn das nenn ich “Respekt”.

Na, da kommt mir das hemmungslose Gepose, die schauspielerisch zum Himmel gebreiteten Arme, die Daumen-hoch-Gestik doch sehr viel ehrlicher vor. Und doch: Wenn der Mensch nichts mehr zur Verehrung findet, ich befĂŒrchte: Er wird nicht hĂŒbscher dadurch. 

đŸŸ Panthapapers

Im Prinzip ließe sich auch in Kambodscha meist gĂŒnstig leben. Die Schwierigkeit in der Praxis besteht darin, dass man als Fremder zunĂ€chst nicht weiß, wie. Wo sind die StĂ€nde, an denen man gĂŒnstig gutes Essen bekommt? Welcher VerkĂ€ufer fordert von Anfang an vernĂŒnftige Preise? HinterhĂ€ltige Touristenfallen und xenophile GeschĂ€fte stehen oft unmittelbar nebeneinander. Vielerorts wird man fĂŒr einen Kaffee europĂ€ische Summen bezahlen, gleich um die Ecke aber einen riesigen, frisch gepressten Orangensaft fĂŒr einen guten Dollar eingeschenkt bekommen. 

Um die Tempel hat sich ein ganzes Heerlager dubioser Allesanbieter niedergelassen, jeder mit derselben, wahnwitzigen Speisekarte. Sowohl die “007-James-Bond”-Mary von Stand 2 als auch “Mr. Rambo” von Stand 5 drĂŒcken einem die gleiche laminierte Folie in die Hand, Fettreste und Schmutzstreifen inklusive. Kratzt man den Dreck beiseite, offenbaren sich dem geweiteten Auge die grotesken Zahlenreihen. Marmeladenbrot fĂŒr fĂŒnf Dollar gefĂ€llig? Vielleicht ein Spiegelei fĂŒr acht? Noch wunderlicher aber ist, dass weit und breit keine KĂŒche zu sehen ist. Mir bleibt schleierhaft, aus welcher Zauberkiste sie das umfangreiche Angebot hervor kramen wollen. 

Wendet man sich skeptisch von den werten Houdinis ab, werden diese plötzlich verhandlungsbereit, die Preise sinken auf zwei Dollar. LĂ€sst man sich dann ĂŒberreden und setzt sich, steigen sie wieder auf vier. Wie gesagt, ein ganz und gar magisches Zahlenspiel.

Manchmal jedoch hat man GlĂŒck und findet vertrauenswĂŒrdige Köche und leckere Nahrung, freundliche Behandlung und kulinarischen Genuss. 

Und hin und wieder, ach hin und wieder, liebe Freunde, hat man UnglĂŒck im GlĂŒcke. Und etwas stimmt nicht. Mit dem Essen. So wie heute. Und dann liegt man zu Bette und stöhnt. Das Gute ist: Was das Essen betrifft, wird es ein sehr, sehr billiger restlicher Tag. Doch der ist trotzdem teuer erkauft.

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