Sonntag 15.1.2024 Siem Reap

🩄 Ponypapers

A & ich unterhalten uns ĂŒber SpiritualitĂ€t. In etwa das altbekannte Lamentieren “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube”, nur diesmal in einer asiatischen Variante. Der Vorteil liegt auf der Hand, Gottes Existenz gerĂ€t da praktisch zur Nebensache. WĂ€re nicht Transzendenz ohne Gott möglich?

Wir sehen den Mönchen zu, die gelassen die Tempelwege beschreiten. Alles hat seine Zeit


Ich befĂŒrchte meinerseits, der schwarze Nebel Nihilismus hat bereits zu viel Salz auf den Feldern hinterlassen. Da gedeihen keine Transzendenzen mehr, hier ist nur etwas Gekicher der niederen DĂ€monen geblieben. 

A betrachtet die Tuktuk-Fahrer, die gelassen auf die RĂŒckkehr ihrer GĂ€ste warten: “Und keiner, keiner hat ein Buch in der Hand.” All diese ungenutzte Zeit. All diese unwiederbringliche Zeit.” Ich kann den Schmerz in A’s Stimme förmlich hören: “Keiner ein Buch!”

Ich blicke rĂŒber zu A. Mir scheint, auch er ist von fernöstlicher SpiritualitĂ€t noch leicht entfernt.

đŸŸ Panthapapers

Ausnahmsweise und fĂŒr das Erlebnis leisten wir uns heute ein Tuktuk. Es fĂŒhlt sich anachronistisch, imperialistisch und sehr bequem an, in dieser motorisierten Kutsche chauffiert zu werden. Vor, neben und hiner uns tuktuckert der kunterbunte Haufen aus anderen Touristen von KultstĂ€tte zu KultstĂ€tte. 

Nach Angaben der Webseite von “Angkor Enterprise” hat man in den bisherigen 14 Tagen dieses Jahres bereits ĂŒber 50.000 Tickets verkauft und im Dezember 4,5 Millionen Dollar eingenommen. Die heiligen RĂ€ume gehören nun allen. Jedenfalls allen, die sich’s leisten können. Man knipst und staunt. Aber hauptsĂ€chlich knipst man.

Ich will nicht verhehlen, bei dem Anblick all der Mittuckernden, der Gleichgesinnten, der Touristen wie wir trĂ€umt mir eine Weile, wie es wĂ€re, wĂŒrde man die sakralen RĂ€ume auch als solche behandeln. Jeder mĂŒsste dann sein QuietschekostĂŒm, seine Sonnenbrille und seine Bermuda-Shorts draußen ausziehen, eine dunkelblaue Toga ĂŒberstreifen und seine Stunden hier in Stille verbringen. Tiefe Meditation wĂ€re der Aura dieses Ortes gewiss förderlicher als das nervöse Herumgefuchtel mit den Handys.

Aber dann stelle ich mir vor, wie die erstebesten sinnsuchenden Mittvierziger, die nach zwei Klangschalen-Kontemplations-Sitzungen ernsthaft glauben, etwas Qualifiziertes ĂŒber den “Weg der SpiritualitĂ€t“ erzĂ€hlen zu können, wie diese Leute gerĂŒhrt von den “mega-tiefgrĂŒndig-transformierenden” Erfahrungen bei ihrem letzten Besuch in Angkor faseln, und schon denke ich, es ist doch ganz gut so wie es ist.

Mögen sich die Poser in lĂ€cherlicher Weltumarmungs-Geste ablichten lassen, mag der Typ in Badehosen wagemutig auf seine getimete GoPro zuhopsen, mögen infantile MĂ€dchen-Gruppen aus aller Herren LĂ€nder hier in ihre EndgerĂ€te quietschen. – Von all dem hĂ€tten Goscinny und Uderzo doch eine herzhaft liebevolle Karikatur zeichnen können. Und es ist von meinem Kopf nicht zu viel verlangt, etwas Ă€hnliches zu versuchen. Die Priester hatten ihre Zeit.

Bevor uns das Tuktuk zurĂŒck ins Hotel bringt, machen wir auch noch ein paar Fotos. Lili hat extra bunte Schals mitgebracht. Wir probieren eine große Auswahl an kĂŒhnen Motiven vor nostalgisch-bröckelndem Tempel-Hintergrund. Die Bilder werden super. Ihr solltet unsere Mediathek sehen. Sie ist gigantisch.

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