
đŠ Ponypapers
Bitteres Aufstehen um fĂŒnf, dafĂŒr viel Traumgedanken auf der Fahrt. Einer sei zufĂ€llig herausgegriffen:
Das verminte Feld (und wir bewegen uns ja passend auf die thailĂ€ndische Grenze zu) der MentalitĂ€tsunterschiede. So erscheinen mir die Vietnamesen als recht tougher Menschenschlag. LĂ€ngst nicht so schĂŒchtern, des Widerspruchs unfĂ€hig, wie veraltete ReisefĂŒhrer schreiben. Nein, sehr vielen klugen, tĂŒchtigen Menschen sind wir begegnet mit einem zum Humor bereiten Blitzen in den Augen. Ăberhaupt wĂŒrde ich gar den Hang zum trocken, spröden Humor vermuten und all die knackigen âHellosâ heiĂen frech und freundlich den lustig-sonnenverbrannten Trottel da auf seinem Fahrrad willkommen. Zupackend nehmen sie gern selbst in die Hand, was ihnen sonst zu langsam geht: das begriffsstutzige AbzĂ€hlen von Dong zum Bezahlen oder das Reparieren des Fahrrades, das der Westler mit seinen zwei linken HĂ€nden gerade selbst probiert. Gerne kommen sie mit dem Fremden durch unverfĂ€ngliche Fragen ins GesprĂ€ch: âWie alt bist du?â oder âWas arbeitest du zuhauseâ oder âIst das deine Frau?â. Oder heben durch Komplimente die Stimmung. WĂ€hrend ich von Frauen gesagt oder gestisch gezeigt bekomme, dass ich beautiful eyes, nose und breasts habe (ja, wirklich, ihr bösen Spötter, ich bin mir zumindest zu 80 % sicher, dass es nicht ironisch gemeint ist), gilt A, wie die MĂ€nner betonen, als ausgesprochen âhandsomeâ. Schwer, sie also nicht zu mögen, denn welch Mensch kann schon einem ehrlich gemeinten Nasenkompliment widerstehen?
Entgegen dem Bild des allseits lĂ€chelnden Asiaten scheinen mir weder Vietnamesen noch Kambodschaner stĂ€ndig devot hintersinnig zu lĂ€cheln. Nein, weder die einen noch die anderen sind ein âLĂ€chelvolkâ. Die Kambodschaner scheinen etwas zurĂŒckhaltender zu sein, Fremdes in die eigene Hand zu nehmen, um einen Vorgang endlich einmal gehörig zu beschleunigen. Ich darf langsam und in Ruhe meine Riehl abzĂ€hlen, A sein Fahrrad selbst reparieren. Es gibt noch immer viele âHellosâ, aber lĂ€ngst nicht mehr so ein steter Fluss, der einen Abends in die Heiserkeit treibt. Mancher Blick scheint ernst & kritisch auf uns zu ruhen. Schweigen und ein unbewegtes Gesicht wirken wie ein Schlag in unser schlechtes Gewissen: âWie haben wir verdient, in Deutschland geboren worden zu sein? Wie hĂ€tten wir’s je verdient, im Trott unseres Lebenslaufs so satt, behaglich, selbstzufrieden dreinzutraben? Warum sollten sie uns mögen? Die ihr Klima verpesten, die Preise nach oben treiben, die von der Billigware profitieren und sich an ihren Pools rösten?â Und gerade wenn man so schön beschĂ€ftigt ist mit dem Gedanken, was wir von uns halten wĂŒrden, wenn wir an ihrer Stelle wĂ€ren, da lĂ€uft ein LĂ€cheln ĂŒber ihr Gesicht. Kein konventionell seichtes SekundenlĂ€cheln, sondern eines, das sich ĂŒber das ganze Gesicht ausbreitet & es zum Strahlen bringt. Dann plötzlich ein Winken, ein âHelloâ, ein hoch gereckter Daumen â vll gefĂ€llt ihnen, dass die irren, reichen Deutschen sich zumindest buckelnd und schweiĂgetrĂ€nkt durch die Schönheit ihres Landes kĂ€mpfen. Ein warmes, ein sanftes, ein leuchtendes LĂ€cheln, das haben wir hĂ€ufig hier gesehen. Können wir sowas erwidern? Oder reagiert nicht zuvor schon die gut geölte Maschine, welche die Mundwinkel ohne Zeitverzögerung spastisch zucken lĂ€sst?
đŸ Panthapapers
Wir verlassen Angkor und paddeln hurtig Richtung Westen. Vor Ablauf des Visums mĂŒssen wir die Grenze nach Thailand erreichen. Statt dem Touristenkomfort (auf Anfrage stets geputztes Zimmer, frischer Kaffee, frische HandtĂŒcher und ein Swimmingpool z.B.) nun das ĂŒbliche Street-Motel-Roulette. FĂŒr denselben Preis gibt’s am Abend lauter Kleingetier, das in Massen durch den Spalt unter der TĂŒr kriecht, kein Waschbecken, keine ablaufende Toilette und zeitweise auch kein Strom oder Licht.
DafĂŒr bastel ich an den Ponys herum. Verzogener Lenker, lockere Schrauben, roter Staub, den man schwer von Rost unterscheidet und zuletzt VerĂ€nderungen am Neigungswinkel des Sattels. Man glaubt kaum, welchen Unterschied ein paar wenige Grad machen fĂŒr Handgelenk, Sitzposition, RĂŒcken, GemĂ€cht, Poschmerzen und nicht zuletzt fĂŒr das FahrgefĂŒhl. Entweder verfestigt sich der Eindruck, ein Steckenpferd zu zĂ€hmen, oder aber â schrecklicher â stĂ€ndig auf eine Metallstange zu zu gleiten. Dauerhafte Freude bereitet nur die neutrale Ebene. Am Morgen bepacken wir unsere frisch gestriegelten Rösser. Leider im Dunkeln.

