
🦄 Ponypapers
Da sind wir also angekommen. In einem Hotel mit Swimmingpool, nahe am Meer, mit Frühstück und bezahlbar ist es auch noch.
Nun, wo mag der Fehler liegen?
Es sind die anderen Deutschen! Mit ihren Bierdosen und Kippen – raucht inzwischen nicht nur noch die Unterschicht (?) – mit ihren verwahrlosten & heruntergekommenen Körpern, mit ihren tristen Blicken & den peinlich bunten Hemden. Die geben mir wirklich Rätsel auf. Sind sie vielleicht doch selbstironisch gemeint?
Am Frühstückstisch sehe ich schräg gegenüber ein schweigendes Pärchen sitzen, weit in den Fünfzigern: Ein letzter Happen Würstchen, der nochmal tüchtig in die Mayonnaise getunkt wird. Es folgt die bloß dekorative Salatbeilage, Mayonnaise und ab in den Mund und schließlich folgen die beiden wabbeligen, nur halb gegarten Spiegeleier. Alles geht die Gurgel runter, da sitzt die Gattin weiterhin trübsinnigen Blickes und starrt auf den kümmerlich kleinen Pool, der im Prospekt doch noch so groß aussah.
Davor der Miniaturspringbrunnen: In der Werbung sicherlich zwei Meter groß und beleuchtet: Aus goldenen Kelchen floss cyanblaues Wasser vor azurblauem Hintergrund – & der Pool, mein Gott, der Pool.
Klein ist er & nicht sonderlich tief, man muss aufpassen, dass man sich beim Schwimmen nicht ausversehen die Füße stößt. Die Hunde trinken aus ihm und auf den nur scheinbar weißen Fliesen trägt man besser seine Plastiksandalen, wenn man nicht in Kippen und Biersud treten will.
Vor ihr sitzt der Riesengatte mit dem kolossalen Bauch & strömt eine Dumpfheit aus, die jeden Ton ersticken will, zumindest jeden gesprochenen. Sei sicher, da kommt nichts an. Da wird nur auf den Wanst geklopft und dann watschelt er nochmal rüber zum Buffet. 2 – 4 Nutellatoasts dürfen schon noch sein.
Das sieht so trist & traurig aus, dass ich mich frage, ob ich ihnen Besseres wünsche? Ihren Alltag verorte ich augenblicklich in einem Großraumbüro, ich seh die Topfpflanze und die Postkarten der entflohenen Kinder förmlich vor mir. ¾ der Lebenszeit um, das solls jetzt in etwa gewesen sein? Von den großen Erwartungen (war’n sie’s je? wann flatterten sie fort?) ist nicht viel geblieben. Was soll denn da noch kommen? Vom Ehemann trennen? Dafür ist’s nun auch zu spät.
Aber auf den Sommerurlaub zwei Wochen Thailand hat man sich doch gefreut. 1.800 hat man sich’s kosten lassen pro Person und nach den ersten drei enorm stressigen Tagen in Bangkok mit Jetlag und Kulturschock sind sie in Bussen mit anderen Deutschen – Mittelklasse (untere), Bürojob, zerknittert von den Jahren – in dieses 3 Sterne Hotel verfrachtet worden. The Great Rethong! Das ist doch ein Name. Und der Pool sah so blau aus wie das Meer und der Himmel. Aus goldenen Schalen ergossen sich Wasserkaskaden metertief hinab. Von den Balkonen (das war ein Irrtum – es gibt keine Balkone, nur die Bank draußen vor dem Eingang mit dem ignorierten Aschenbecher – ja, das ist die Terrasse, was haben Sie denn gedacht?) blickte man direkt aufs Meer (Achtung, Liegestühle kosten extra) und nicht etwa auf das halb fertig gebaute Gebäude, das vor das Hotel geknallt wurde und dessen Farbe man als schimmelgrau bezeichnen würde.
Was so alt aussieht, kann doch nicht erst vor einem Monat – also das Katalogbild… Vergessen Sie’s. Klappe zu! Schwamm drüber!
Und was ist mit den Bildern von dem süßen asiatischen Personal mit den gefalteten Händen und der halben Verbeugung, niedergeschlagenen Wimpern, ein leichtes Lächeln und natürlich jung, so jung?
Nun, das ist in Wirklichkeit auch Mitte 50, genau wie Sie, meine Dame, und was sie von ihrem Leben in diesem Hotel mit den übergewichtigen Deutschen hält, nun das lässt sich leicht an ihrem Gesicht ablesen.
Ach, es hätte auch da anders laufen können, sagt das asiatische Spiegelbild.
Ach, da kommt nicht mehr viel.
Und während ich so rüber blicke, der Gatte hat fertig gegessen, da sitzen sie nun schweigend und sammeln Elan, um sich in ihren Touristenalltag zu stürzen oder sich zumindest von den Stühlen zu heben, frage ich mich, ob sie nicht einen schönen Urlaub verdient hätten? Wo alles so aussieht wie im Prospekt & endlich werden sie mal behandelt als wär’n sie wer & die Betten sind weich & kuschelig & die Zimmer großzügig & der Blick ist weit & herrlich.
Und sie würden sich einmal wieder ansehen & lächeln. Das haben wir gut gemacht!
Und: Das Leben ist schön!
Der Abend birgt Antwort. Niemand hat irgendetwas verdient. Alles ist Zufall.
🐾 Panthapapers
Gewaltige goldene Buddha-Statuen thronen vielerorts über der Landschaft. Riesig sitzt er da, in vielen Metern Höhe und viele Meter hoch. Manchmal auf einem kleinen Berg, zuweilen über den Dächern eines Tempels.
Heute bleiben wir in unserem Hotel. Lili schreibt an einem neuen Nietzsche-Essay. Am Abend besuchen wir den Strand runter eines der zahlreichen Restaurants der Umgegend. Viele Deutsche sitzen dort, einer spricht ganz besonders laut. Offenbar redet er über Skype mit einem alten Klassenkameraden. “Das hätte damals niemand gedacht von dir, Detlev, dass der Detlev nach Südamerika geht und da 25 Jahre bleibt”, sagt er dem Tablet in seiner Hand. “Weißt, was die gesagt hätten? Die hätten gesagt, der Detlev, das ist so ein Arschloch, ein solches Arschloch ist der Detlev, der schafft’s nicht mal ins Hartz-IV-Büro, so ein Arschloch ist das, hätten die gesagt.”
Er nimmt ein Schluck Bier, seine laute Stimme wird noch schallender. “Aber du, ich, ich bin auch rumgekommen. Ich hab alles gesehen, ich hab alles gemacht. Du, ich bin LkW, weißt, Militär, weißte, ich hab alles gemacht. Ich war in Südamerika, in Afrika, in Dänemark, in Asien, weißte, ich war überall. Ich hab alles gemacht. Ein paar Kinder hab ich erschossen, das tut mir leid, aber weißt, na ja. Ich hab alles gearbeitet, weißte. Und jetzt, weißt, genieße ich”, seine Stimme breitet sich im Raum aus, “meinen Lebensabend”, schließt er genüsslich. “Du und ich, Detlev, weißte, wir ham die Welt gesehen. Ich hab vier Töchter. Jede ist woanders auf der Welt. Die eine ist Anwältin in Bogotá. Ich hab, weißte”, er betont nun jedes einzelne Wort, “mein Leben gemeistert. Ich habe mein Leben gemeistert!”, schreit er geradezu ins Tablet. So geht es noch eine Weile weiter.
Lili und ich gehen am Strand entlang zurück ins Hotel. Irgendwo lacht ein Buddha, sein Lachen trieft nur so vor kaltem Erz. Über alles, alles, weht der Wind. “Was ist ein Leben”, flüstert er leichthin vom Meer. Gäb es einen Gott, er wäre ein Monster. “Was ist schon, was schon ist ein Menschenleben? Alles, alles ist egal…”