
🦄 Ponypapers
Da sind wir also wieder auf Thailands sonnenbeschienen Straßen. Pattaya lassen wir hinter uns.
Und wo war ich nochmal? Ach ja, bei den Hunden. Und von den Hunden geht es zu den Hundehaltern und da sind wir ja schon im Geflecht. Mensch, Tier, Tierliebe, reinere Liebe… unschuldigere Liebe?
Man muss nur etwas Patricia Highsmith lesen, um zu erfahren, dass der edlere Mensch die Tiere liebt. Er ist vll nicht der bessere, also moralisch bessere Mensch, aber mit denen hat es Highsmith ja auch nicht & wir als Leser folgen hintendrein.
Oder Kundera, wie freuen wir uns, dass zumindest das eine bleibt: die Liebe des Menschen zum Hund, die Treue des Hundes zum Menschen. Nichts Getrübtes, Kompliziertes, Unechtes, Egoistisches. Die Menschen, die kann man nicht lieben. Oder: Es ist immer etwas Schmutz in der Liebe zum Menschen.
Und doch werde ich den kleinen Verdacht gegen die ausgeprägte und ausschließliche Tierliebe nicht los: Da war einer zu feig zu lieben, zurückgewiesen zu werden, etwas Unwürdiges zu lieben, trotzdem zu lieben, zu feig, verletzt und enttäuscht zu werden. Sich vll gar der Tatsache zu stellen: Das Liebe enden kann.
Das Haustier ist der Menschenliebe ausgeliefert und wie leicht nimmt das bizarre Formen an. Man sehe sich einmal kleine Kinder an, die mit Tieren ausgiebig kuscheln. Zum Gruseln ist das. Und wenn dann das Haustier mit einem Plüsch- oder Glitzerstall, mit vollständigen Gerichten, mit Massen von Spielzeug oder direkt nem Kinderwagen “verwöhnt” wird, wen schaudert’s da nicht?
Wem schiebt sich angesichts dieser – sagen wir ruhig – pervertierten Liebe nicht die Kontrastfolie des hungernden Kindes, des bettelnden Alten vor Augen. Mit diesem Überschuss von Gefühl hättest du doch auch ein angemesseneres Ziel finden können als deinen Pudel. Aber warum denn kein Pudel?
Warum solltest du ihm aus Liebe kein Entrecote bereiten dürfen? Kein goldenes Armband zu Weihnachten?
Wer bist denn du mit deiner “Menschenliebe”, um über diese Tierliebe zu richten? Wo du doch selbst zugibst, dass Liebe jenseits von verdient & unverdient liegt?
Und wenn wir Ideal- & Zerrbild schärfer zeichnen, bekommen wir dann eine Antwort oder sehen wir nur, wie der Kitsch unsere Herzen beherrscht?
Also das Idealbild des Tierfreundes: Die gescheiterte Existenz, der alte Mann, dessen Frau gestorben ist oder der nie eine hatte, die Obdachlose, die ihr letztes Brot mit den Hunden teilt, der einsame Jäger im Wald, der nur zu den Hunden spricht, also kurz gesagt: der Arme, der Alte & der Verlassene – da haben wir die drei Typen, denen wir diese reinere, treuere, schlichtere Liebe gönnen.
Aber die Gucci-Tante mit ihrem Schoßhündchen oder auch, tut mir leid, Schopenhauer, du mit deinem Pudel, eure Liebe zum Tier erwuchs aus dem Mangel an Mut, einem Mangel an Liebenswürdigkeit, eure Liebe zum Tier erweist sich als Feigheit. Die Bedürftigkeit, die sich darin enttarnt, eine Kreatur zum Lieben zu bringen, indem man ihr Fressen gibt, zeigt keinen reineren Charakter, kein edleres Gemüt. Traurig, wer es nicht mal zu versuchen wagt, einen Menschen zu sich zu verführen. Traurig, wer nicht ein einziges Mal wagt zu verzaubern.
“Abgeschlgen sind sie & zum Leben zu schwach”. Zu viele Stimmen reden in meinem Kopf.
Wer zuviel liest, verliert sich. Merk’s dir als Kalendersprüchchen.
🐾 Panthapapers
Vor einer Weile wurde in kulturphilosophischen Kreisen die Theorie der “Nicht-Orte” populär. Marc Augé, einer der prominentesten Super-Spreader dieses Gedankens, wollte unter dem Begriff “ortlose Orte” verstanden wissen, etwa Supermärkte, Autoraststätten, Flughäfen, Fast-Food-Restaurants usw., also alles, was modern und gleichförmig, sozusagen ohne Identität, ist.
Das Ganze ist natürlich ziemlicher Blödsinn und diente nur den gewohnheitsmäßigen Kapitalismuskrittlern und intellektuesken Schwätzern als Fundgrube für neue Beobachtungen à la mode. Nähme man die These ernst, müsste auch jeder Strand, jeder Waldweg und – bei der Gleichförmigkeit europäischer Bebauung – auch jedes bayrische Dorf als “Nicht-Ort” gelten.
Wie gesagt also Quatsch eigentlich. Und dennoch, als wir mit dem Fahrrad durch die endlosen Touristenmeilen rollen, kommt mir dieser Ausdruck mit seiner dystopischen Magie plötzlich wieder in den Sinn. Fleisch überall und wie durch einen Fleischwolf werden sie alle gequetscht, braungebrannt und abkassiert kommen sie am Ende wieder heraus, werden in Flugzeuge geschaufelt und in ihre echten Leben zurück transportiert. Tourismus ist Thailands wichtigste Einnahmequelle. Es ist eine Welt der Massen und der Massenindustrie. Vielleicht ist das Seltsamste daran nur, dass uns etwas daran stört.
Nach den unschönen Erfahrungen von gestern kommen wir heute in einem perfekten Hotel an, blitzblank sauber und alle freundlich. Wir werfen unsere staubigen Taschen in die Bude und fühlen uns an diesem Nicht-Ort sofort – ganz zu Hause.


