
🦄 Ponypapers
Das seltsame Gefühl des vorgestrigen Abends ist vorüber geschlichen. Dass sich solch innere Warnungen nicht überprüfen lassen, wenn man ihnen Glauben schenkt. Normalerweise halte ich mich allerdings eher an den Grundsatz, dass dir nicht geschehen kann, worüber du nachgedacht, worüber du dich gesorgt hast. Das Unglück kam stets unerwartet und als Überraschung.
Schade, dass man nicht alles Unglück aus dem Weg räumen kann, indem man darüber nachdenkt. Es ist einfach zu vielfältig, zu kreativ, zu spitzbübisch. Nun aber, da ich mich ausführlich gefürchtet habe, in Bangkoks Straßenverkehr zu sterben, bin ich sicherlich zumindest vor diesem Tod gefeit.
So machen wir uns denn getrost auf den Weg der fünfspurigen Schnellstraße, von denen 2 Spuren einer Autobahn gehören und die beiden äußeren einer Land- und auf-die-Autobahn Auf-und-Abfahrbahn, die alleräußerste – also die langsamste, sprich unsere wird eher als Parkplatz frequentiert…
Eine Fähre soll uns über den Fluss bringen, welcher überhaupt der Grund war, dass wir uns mal wieder landeinwärts bewegen mussten und Bangkok nähern. Die Fähre ist die erste Möglichkeit, über ihn drüber zu fahren.
Als wir durch die ersten Pfützen fahren, könnten uns bereits Bedenken kommen, die sich aber erst einstellen, als wir durch niedriges Wasser weiter in Richtung unserer Ablegestelle fahren. Einige motorisierte Zweiradfahrer sind weniger optimistisch und wenden bereits vor uns. Nun ragen die Umgebung, Laternen, Schilder, Häuser vollständig aus dem Wasser. Nur wie weit nach vorne müssen wir noch? Ich scheue davor zurück, mit Megawatt ins tiefere Wasser zu fahren und nachdem ich A noch L’s Ratschläge bezüglich dem Kontakt mit Süßwasser aus Seen & Flüssen zusammengefasst habe, will A auch nicht mehr herausfinden, wie weit es bis zur Ablegestelle wäre.
Betrübt wenden wir uns um und fahren auf die nächste Vierspurige, die nach ein paar Biegungen & Brechungen auf die Autobrücke führt.
Kurzes Gejammer und Stoßgebet zu vll anwesenden Schutzgeistern, dann Megawatt hochschalten und Adrian Adé sagen. So die Götter wollen, sehen wir uns hinter der Brücke.
Sie sind uns gnädig an diesem Tag. Waren zu beschäftigt, um sich an der ein oder anderen Blasphemie zu stören, glaub, sie nehmen das generell nicht so wichtig, verzeihen dem Menschen da viel oder sind für Angkor Wat einfach nicht zuständig. Wie auch immer, wir schaffen es über die Brücke und dann sind wir auch schon bei unserem Hostel – denn nur 30 km haben wir uns vorwärts auf Bangkoks Straßen gewagt.
🐾 Panthapapers
Bangkok ist riesig, voller Menschen, Autos und Magie. Und eine Schlangengrube, in der alles ineinander gleitet. Zischeln, Gift, Hypnose. Als ich das erste Mal hier war, habe ich S.P. Somtow gelesen. Das ist ein thailändischer Autor, Komponist und Dirigent, der seine Kindheit im Bangkok der 50er und 60er Jahre als Romanvorlage benutzte.
Seine Geschichten habe ich nie wieder aus dem Kopf bekommen. Wenn ich an die “Stadt der Devas” denke, kommen mir fremde, verwunschene Bilder in den Sinn, ständiges Verändern, Vergessen, Verschlingen. Das Leben hier ist ein heißer, mysteriöser Traum, Phantome flüstern Zaubersprüche über unsere Köpfe hinweg. Niemand hält fest, niemand erinnert, niemand versteht. Was gestern noch da war, ist niemals geschehen. Und ein Fremder ist, wer danach fragt. Nur verschlossene Gesichter seh’n dich ratlos an.
Andere Bücher, in denen moderne Schamanen in gläsernen Hochhäusern und undurchsichtige, schweigsame Multimillionäre in Privatjets eine wichtige Rolle spielen, Bücher, deren Autoren und Titel mir längst entfallen sind, mögen zu meinem arkan-entrückten Bangkok-Bild noch das Ihrige beigetragen haben.
Vielfach ineinander verschlungen sind für den pragmatischen Fahrradfahrer mit seinen profanen Bedürfnissen indes nicht die geheimen Säuseleien wispernder Geister in den Gassen, sondern die asphaltierten Autostraßen, die hier in mehreren Stockwerken kreuz und quer übereinander geschichtet liegen.
Wir schleichen uns in den frühen Morgenstunden dieses Sonntags an dem Schlangennest vorbei, als seine Bewohner säus’lig schlummern. Am Abend können wir von der Dachterrasse unseres neuen Hotels auf die weite Landschaft aus Hochhäusern zurück blicken. Kein wütendes Zischeln. Sie hat uns nicht mal bemerkt. Gut so.