
🦄 Ponypapers
Naja, also so doll sind Bangkoks Straßen für Fahrradfahrer nicht, möchte ich leise bemerken. Anderswo gibt’s sicherlich bessere, selbst in Thailand. Schon wieder so eine Fünfspurige und dann biegen zwei mittlere in nem Bogen nach oben zu nem Brückenstück, das über die Autobahn führt.
An ner Fußgängertreppe blicke ich Adrian aus großen Augen an: “Duuu, wenn man jetzt das Gepäck abschnallt und nach oben trägt und dann den Gang entlang und dann nach unten und schließlich noch Megawatt & Calli hinterher trägt, dann haben wir die Fünfspurige überquert, ohne auf die mittleren Spuren wechseln zu müssen.”
Wo sind nur die niedlich wirkenden Haarspangen, wenn man sie mal braucht? Adrian lässt sich trotzdem erweichen und so schleppen wir fleißig unser Hab und Gut treppauf, treppab, und nachdem wir nochmal alles durchgezählt haben, ist tatsächlich kein einziges Täschchen verschwunden. Wieder einmal: Glück gehabt.
🐾 Panthapapers
Statt in den globalen Sportdisziplinen, in denen Zigtausende von Talenten aus allen Provinzen des Globus gegeneinander kompetitieren, engagiert mitzumischen, haben sich die Thailänder einfach ihren eigenen Wettkampf erfunden. Viel präsenter, als man es für explizite Darstellung realer Gewalt erwarten möchte, ist daher im Alltag der nationale Kampfsport, das Thaiboxen.
Plakate mit den aktuell bevorstehenden Kämpfen säumen die friedlichen Straßen. Immer wieder sieht man Boxsäcke und -ringe unter niedrigen Holzdächern. Im Fernsehen werden live die wichtigsten “Begegnungen” übertragen.
Das fällt uns auf, wo in dem europäischen Gestaden der Boxsport doch von der Mitte der Gesellschaft weit an ihren Rand gerückt ist. Klitschko dürfte einer der letzten gewesen sein, die es zu milieuübergreifendem Ruhm gebracht haben. Dass aber jedermann, wie in Musils großem Roman, in den frühen Morgenstunden am Boxsack trainiert, um sich für Abenteuer bereit zu machen, die ihn nie ereilen werden, gehört schon einer mehrfach vergangenen Vergangenheit an.
Vielleicht haben es öffentlich aufeinander einschlagende Männerkörper aber in diesen Tagen auch besonders schwer, für ihre Kompetenzen gewürdigt und nicht als kategorisch misogyn-chauvinistische, weißhäutige Cis-Brutalos und Proto-Faschisten an den digitalen Pranger gestellt zu werden. Allerdings haben professionelle Prügelknaben natürlich auch kein moralisches Recht, vom Zeitgeist verwöhnt zu werden.
Wie dem auch sei, gerade unter den kultisch sanftmütigen Thailändern das Fest der Muskeln mit Tritten und Schlägen gefeiert zu sehen, verwundert durchaus. Dabei beobachtet man nur einige der Früchte einer Kunst, die es in Europa eben nie gegeben: die der Bewegung. Außer dem höfischen Zeremoniell, dem rituellen Gepiekse im Fechten, der steifen Spätgeburt Ballett und den paar vereinzelten Akrobaten-Gruppen, die unter Schimpf und Schmäh durch die Lande polterten, haben wir den ostasiatischen Lehren und Praktiken nichts Kongeniales anbei zu stellen. Kein Yoga, Qi-Gong, Tai Chi, Judo, Karate oder eben Muay Tai, das im Abendland gehegt worden wäre.
In einer einzigen bruchlosen historischen Linie von Kain und Abel an erschlug man sich zwischen unseren Längengraden mit Holz, Stein, Bronze, Eisen und zuletzt mit Stahl. Man zog sich viele Kilo Metallplatten an, um dann eine Metallstange auf einen anderen Mann in Metallplatten zu hauen. So ging das. Keinem wäre eingefallen, dem stumpfsinnigen Drauflosgewumme etwas Würde und Maß, Schönheit oder kurz: Kunstfertigkeit beizubringen.
Daher, wenn ich die Thailänder betrachte, wie sie ihre Schienbeine gegeneinander schlagen, wie sie dem anderen gegen den Bauch treten oder auf den Kopf einprügeln, bin ich mir sicher: Auch wenn ich nichts davon verstehe, so seh’ ich doch – Kultur.

