
🦄 Ponypapers
Einmal gerade über die Ecke, die lange Landzunge können wir nicht nehmen, die Zeit treibt uns bereits ganz schön voran. Die Schnellstraße hoch auf die Berge und nach 55 km sind Adrian & Calli ganz schön platt. Megawatt behauptet zwar, Meile um Meile zurücklegen zu können, aber wir alle wissen, dass er ein Aufschneider ist. Vor allem seitdem seine Batterieanzeige den Geist aufgegeben hat und jederzeit optimistisch hohe Füllstände zeigt, auch wenn Megawatt nur noch ächzt & stottert.
Unsere grau gestrichenen, quadratischen Betonbungalows versprechen mit ihrer tief entspannten Neutralität – andere würden vll den Begriff Depressivität vorziehen –, uns auf eine ruhige Phase ausgesprochener Passivität vorzubereiten. Adrian fühlt sich direkt ganz heimisch, wir werfen die Sachen ins Kämmerlein & uns – Was ist dann da? Sind das da ausgewachsene, mehr als handtellergroße Riesen-Spinnen? Die Vorder- und Hintereingang bewachen?
Adrian beäugt sie aus der Entfernung misstrauisch, unser Bungalow erfährt eine genauere, kritischere Inspektion. “Ach, komm schon, nur für ein Foto da drunter stellen!” Widerwillig pirscht sich Adrian etwas näher an die Spinne ran, während ich auf das Mäuerchen klettere, um unser fehlendes Teleobjektiv auszugleichen. Ja, während Adrian eigentlich in sicherer Entfernung bleibt, sind meine Hände nur wenige Zentimeter von der Spinne entfernt. Das ist die Wahrheit! Obwohl natürlich Adrian hinterher alle Lorbeeren für die mutige, geringe Distanz einstreichen darf. So ist das.
Die Welt hat nichts übrig für ihre Dokumentaristen. Nur Helden will sie sehen.
Als wir uns zum Abendessen aufmachen wollen, entdeckt Adrian auch noch eine weitere Spinne auf dem Boden. “Die ist tot“, beruhige ich.
“Ich habe schon viele tote Spinnen gesehen und die sieht anders aus.”
„Riesenspinnen sterben einen anderen Tod.” Adrian steht immer noch auf der Türschwelle.
“Soll ich sie mit etwas bewerfen?”
“Nein.”
Als wir schließlich von einem spartanischen Abendessen (gebratener Reis) heimkehren, hat sich die Spinne am Boden fortbewegt. Ganz eindeutig 40 cm weg von der Wand.
“Jetzt kannst du sie mit etwas bewerfen.”
Ich bewaffne mich mit einem Blatt und werfe es auf die Spinne. Ergebnis: Die Spinne ist tot. Bewegt hat sie der Wind.
Der Sohn der Herbergsfamilie hat unser Manöver wohl beobachtet. Adrian als Diva und mich als bewaffnete Ninja. Er kommt näher, nimmt das Objekt unseres Ungemachs in die Hand und trägt es rüber zu den Mülltonnen (ach – ein wenig Heldenmut hätt er mir doch lassen können. Nun gut, habe ich eben eine tote Spinne mit einem Blatt beworfen. Ja, das ist eben ein typischer Zeitvertreib in Mitteleuropa…) und so erfahren wir an diesem Tag: So sieht prosaischer Heldenmut aus!
🐾 Panthapapers
In Südostasien bin ich bisher weit weniger gruseligen Spinnen begegnet, als ich es befürchtet hatte. Die hohe Dichte an Salamandern hat die Spinnenpopulation arg schrumpfen lassen. Ihnen bin ich daher auf Ewig zu Dank und Freundschaft verpflichtet. Und auch wenn wir uns gelegentlich voreinander erschrecken, habe ich sie sehr ins Herz geschlossen.
Heute aber treffen wir auf Exemplare der Arachnea, die auch für kleine Geckos eine Nummer zu groß sind. Oder zwei. Allenfalls ein muskulöser Mann könnte sie im Zweikampf niederringen. So jedenfalls kommt es mir vor. Tatsächlich sind sie groß genug, um kleine Vögel zu verspeisen, was sie auch oft genug tun. “Giant golden orb-weaver spider”, recherchiert Lili im Internet. Gleich zwei von diesen gargantuesken Ur-Kreaturen haben sich direkt vor unserem Hotelzimmer jeweils ein Netz errichtet und damit alle Fluchtwege abgeschnitten.
Ein drittes riesiges Exemplar einer anderen Gattung steht wie ein Wachposten vor unserem Eingang und bewegt sich nicht von der Stelle. Lili und ich rätseln eine Weile, ob sie vielleicht schon tot sei. Aber die Tatsache – und da bin ich mir sicher –, dass sich ihre Position nach unserer Rückkehr vom Abendessen um ein paar Zentimeter verschoben hat, gibt mir Gewissheit, dass ihre Reglosigkeit nur Taktik ist, um uns zur Unvorsichtigkeit zu verführen und umso überraschender über uns herzufallen.
Lili wirft zur Probe ein trockenes Blatt nach ihr. Das letztlich bringt den Sohn der Hoteliers, einen blassen 16-Jährigen, endlich dazu, sich unserer zu erbarmen und das tote Tier mit barer Hand aus unserer Sichtweite zu entfernen. Freundlicherweise entsorgt man auch eine der beiden anderen Riesenspinnen samt Netz, während wir kurz fort sind. Den verweichlichten Europäern ist eben kein echtes Geschöpf des Urwaldes zuzumuten. Das steht deutlich in mein Gesicht geschrieben.
Die letzte Spinne übersehen sie leider. Ich rede mir ein, dass sie mich vor den Kleineren schützen wird, überprüfe aber jeden Winkel des Zimmers, bevor ich die Augen schließe.
Es war irre heiß und anstrengend heute und ging fast ausnahmslos bergauf. Ich bin dankbar für den traumlosen Schlaf, den mir die Erschöpfung beschert.

