Mittwoch 13.3.2024 Hua Sai

🩄 Ponypapers

Ein Ă€ußerst chilliger Tag in einem Strandbungalow. Nach den letzten paar Tagen verstreicht er dösig, sanft. Als ich nachmittags vom Meer zurĂŒckkomme – sehr warm, keine Schwimmer, etwas zu viel MĂŒll, der beim Schwimmen den Körper streift (ich nehme doch mal angesichts meiner Umgebung an, dass es sich bei den streifenden “Dingen” um MĂŒll handelt) –, werden wir von einer Frau zum Essen eingeladen.

Wir vertrödeln etwas Zeit, Adrian ist noch unter der Dusche und versucht Kopfweh & Hexenschuss wegzuwaschen, er ist nicht so ganz in Konversationslaune, ich will mit meinem bescheidenen Englisch nicht ohne ihn gehen.

Dann aber gesellen wir uns doch dazu. Inzwischen hat man aufgegessen, beginnt aber ausgiebig, uns mit den restlichen, zahlreichen, leckeren und ungewöhnlichen Speisen zu fĂŒttern. 

Das sind: Garnelen, Riesenkrebse (die eine Frau professionell fĂŒr mich knackt), Garnelenknupserpuffer mit schwarzer Sauce, SchweinehackfleischbĂ€llchen (verschiedene), sĂŒĂŸes getrocknetes Obst, frittierte Banane, frische Melone & Mango und sĂŒĂŸe Fischsauce. Die Thais scheinen sich ĂŒber meinen Hunger sehr zu freuen, sodass ich mir besonders MĂŒhe gebe, fleißig zu essen. Sie bestĂ€rken krĂ€ftig, es sei eine Freude, sie mĂŒssten sonst alles wegschmeißen. Und oh “L probiert alles. Seht ihr.” sagt eine Frau zu den anderen – ich sitze bei 4 Frauen, Adrian bei 2 MĂ€nnern, sodass sich die Konversation etwas aufspaltet und ich allein klarkommen muss – oh weh.

“L ißt alles. L mag alles.” Das ist doch mal ein selten gehörtes Lob. Ich kann wohl froh sein, dass ich ganz eindeutig in einem Fisch- und nicht in einem KĂ€seland bin und mir wohlgemuth alles in den Mund stopfe, was man mir reicht. WĂ€hrend ich mich also vollfuttere, schlingern wir gemeinsam durch die Fallstricke der internationalen Kommunikation.Ich werde getröstet, weil ich keine Kinder habe (“spĂ€ter keine TrĂ€nen”), ich frage, ob die sĂŒdlichsten drei Provinzen gefĂ€hrlich seien, oder ob wir dort mit den FahrrĂ€dern durch könnten. 

Wenn jemand das doch wissen muss, dann jemand von der Regierung… “Ach, in Bangkok sei das gar nicht so prĂ€sent. Vll wĂŒrden da mal ein paar Bomben hochgehen. Ach, da seien ein paar Leute, aber es sei unklar, was diese wollten. Das wissen sie nicht (schwer nachdenklicher Gesichtsausdruck). Schließlich wird uns aber doch geraten, dass der Weg mit der FĂ€hre von Satun nach Langkawi eher zu empfehlen sei. Da ist man sich einig. 

Sie sind wirklich ganz ausgesprochen liebenswĂŒrdig & ich bin schon halb verliebt. Die eine Frau leitet so geschickt durchs GesprĂ€ch, dass ich ohne Panik durchgleite & auf die Frage, was ich beruflich mache, Ă€ußerst strategisch mit “Pottery” antworte. FĂŒr nen Keramiker spreche ich doch ausgezeichnet Englisch. Wacker schlage ich mich!

Dass Adrian an der anderen Tischseite gerade erzĂ€hlt, dass ich an der Uni Philosophie unterrichte, entgeht mir freilich. Lustig sich vorzustellen, wie sie spĂ€ter ĂŒber das MissverstĂ€ndnis grĂŒbeln. Hoffentlich als MissverstĂ€ndnis.

Ach & wie schlÀgt sich eigentlich Adrian?

Ja, Ă€hm, dem fĂ€llt ein HundertfĂŒĂŸler auf den Kopf & zwar ein großer und die sind sehr giftig – nicht so, dass es lebensgefĂ€hrlich ist, aber so, dass man richtig, richtig schlimme Schmerzen hat, vermutlich Krankenhaus etc.). Da er nicht sieht, was ihm auf den Kopf fĂ€llt, schĂŒttelt er es mit den HĂ€nden runter & der HuntertfĂŒĂŸler landet unten auf dem Boden.

Alle haben die Bewegung gesehen, man guckt, erschrickt. Mit der Grillzange jagt einer der MĂ€nner dem HundertfĂŒĂŸler hinterher und wirft ihn dann in ein nahegelegenes GebĂŒsch. Alle sind aufgeregt, Adrian wird zig mal gefragt, ob er gebissen worden sei, was den Göttinnen sei Dank nicht der Fall ist. Man ist allseits erstaunt ĂŒber unsere Coolheit, vielleicht sind die Deutschen ahnungslos, man lacht wie eben ĂŒber ein UnglĂŒck, das gerade haarscharf an einem vorbei geschrammt ist. Man will unsere Bungalownummer wissen, es mĂŒsse eine GlĂŒckszahl sein. Eine gute Lottonummer.

Gut, dass man so ne Stockstarre auch mit Coolheit verwechseln kann. Nur durch unsere TrĂ€ume und alle Traumritzen fĂŒĂŸeln in dieser Nacht die HundertfĂŒĂŸler zuhauf. 

đŸŸ Panthapapers

HundertfĂŒĂŸer sind besonders bösartige, gefĂ€hrliche und hĂ€ssliche Kreaturen. Ich empfehle, ihr Aussehen zu googeln, um sich ein Bild von der KreativitĂ€t der Götter zu machen, als es darum ging, dunkle Ritzen und faulfeuchte Löcher mit gruseligen Lebewesen zu befĂŒllen.

Der Skolopender hat, wie es auf Wikipedia heißt, ein “extrem hohes Aggressionspotential, das man sonst kaum bei anderen Tieren findet. Sie ziehen sich nicht wie andere Wildtiere bei BelĂ€stigung und Störung zurĂŒck, sondern verteidigen sich aktiv mit einem Giftbiss.” Die Giftwirkung ist “sehr unangenehm und schmerzhaft” und verursacht “sehr intensive, ĂŒber den gesamten Körper strahlende Schmerzen”. Hinzu kommen zuletzt “LĂ€hmungserscheinungen, die ĂŒber mehrere Tage anhalten können.”

FrĂŒher verwendete man ihn zu Folterzwecken. Angeblich sind zwei TodesfĂ€lle durch den HundertfĂŒĂŸer bekannt. Einmal starb ein kleines MĂ€dchen, dem er in den Kopf gebissen hatte. Ein andermal wurde ein 39-jĂ€hriger ThailĂ€nder von erwischt. Der verspeiste ihn daraufhin – vermutlich in einem Anflug klassisch asiatischen magischen Denkens, um sich zu immunisieren – und verendete binnen zwei Stunden.

Nun, ich finde, ich habe einen Grund mehr, an der Vermutung eines Hexenfluches festzuhalten, denn ein solches giftiges Zwickvieh fĂ€llt mir heute direkt auf den Kopf. Ein besonders großes Exemplar ist es obendrein, bestimmt um die 15 Zentimeter lang.

Es muss diesen weiten, weiten Weg den Baum hinauf eigens auf sich genommen haben, denk ich bei mir, um sich dann in einem gĂŒnstigen Moment auf mich fallen zu lassen. Wozu? Es ist ein wirklich hoher Baum.

Zum GlĂŒck habe ich mein Vorhaben noch nicht in die Tat umgesetzt, endlich wieder zum Friseur zu gehen. Bevor das bösartige Untier bis zu meiner Kopfhaut vordringen kann, verfĂ€ngt es sich im verfilzten Gewurschtel meiner ungeschnittenen Haare und kann von mir weggewischt werden.

Seine Motivation bleibt dennoch rĂ€tselhaft. Mit Argwohn betrachte ich vor dem Schlafengehen die weiten Ritzen im Boden der Bretterbude, in der wir nĂ€chtigen. Man darf es der Hexe nicht leicht machen wenigstens. Ich muss sie wirklich arg beleidigt haben. Mit einem GefĂŒhl von Dankbarkeit fasse ich mir ins Haupthaar. Ich glaube nicht, dass ich in nĂ€chster Zeit zum Friseur gehe.

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