Sonntag 14.4.2024 Langkawi

🩄 Ponypapers

Es gibt viele gute GrĂŒnde, lĂ€nger im Paradies zu bleiben, das versteht sich von selbst. Unser Grund heißt zudem Kitty und das ist ja wohl nicht umsonst ein Katzenmarkenname. Wir, so haben wir in unserem neuen SelbstverstĂ€ndnis beschlossen, werden die Guten sein und sie vor dem schmĂ€chlichen Schnupfentod bewahren. Und zwar wir höchstselbst, nicht irgendwelche Fremden, die in unserem Namen beauftragt ihr Antibiotika und Augensalbe zufĂŒhren. Nein, wir werden nicht zulassen, dass ein neuer antibiotikaresistenter Katzenschnupfenvirus die hiesige inzestuöse Inselpopulation dahinrafft.

Bis das Antibiotika zu Ende ist, gehören wir hier hin, nehmen die Verantwortung an und dösen nun, da der erste Nietzschezarathustrateil fertiggestellt wurde, in der Sonne. Als wir abends am Tisch uns gegenĂŒber sitzen, vertieft in eine kleine trockene Portion Nasi Goreng (die anderen Gerichte konnten wir nicht entziffern und waren zu feige, uns “Fischfutter” zu bestellen) stellt Adrian unsere Selbstzufriedenheit missachtend die Frage der Konsequenz. MĂŒssten wir nicht auch das weitere Überleben von Kitty nun absichern? Also noch drei Wochen bleiben, um ihr die erste Impfung gegen den Schnupfen verpassen lassen zu können? Und wo wir schon bei Impfungen sind: All die restlichen, die ihr vermutlich fehlen? Wo sollte man konsequenterweise einen Schlussstrich ziehen? Nach dem Kauf von Antibiotika? Nach den 5 Resttagen? Nach der Genesung? Den Impfungen? Dem Einkauf eines 20 Jahre wĂ€hrenden Vorrats an Katzenfutter?

Nachdem ich gemerkt habe, dass Adrian nicht ernsthaft die Option in den Raum wirft, dass wir noch ein bis zwei Jahre im Paradies bleiben, um Kitty alle nötigen Impfungen zu verpassen – ich war schon ganz Ohr –, sondern nur mal wieder nicht mit einem Bullshit von emotionalen GrĂŒnden sich abzufinden bereit ist, schweige ich zunĂ€chst nachdenklich. Da mir wenig Hilfreiches einfĂ€llt, bereichere ich das Feld mit eigenen Fragen. 

Ist es möglich, dass ein hilfloses, vernunftunfĂ€higes Wesen in seiner Verletztheit tiefer an unser MitgefĂŒhl appelliert als ein Mensch? HĂ€tten wir tatsĂ€chlich einem Menschen in gleicher Weise geholfen, wĂ€re nicht seine UrteilsfĂ€higkeit ein Gegeneinwand? Und die Konsequenzen, die Kitty niemals ziehen wird: nĂ€mlich, dass wir sie im Stich gelassen haben, jetzt, drei Jahre nach unserem Urlaub, wenn sie an Katzenschnupfen stirbt, weil sie die Impfung nie bekam. Aber einen Menschen, sowas kann sich kein Freiheitsliebender aufladen wollen, sowas wird man niemals los – da niemals Verantwortung ĂŒbernehmen, das ist allererster Ratschlag der Klugheit!

Aber ist nicht die verzĂ€rtelte Tierliebe nichts anderes als Sozialisationsprodukt? Wer erstmal 3 bis 4 KatzenwĂŒrfe im nĂ€chstgelegenen Weiher ertrĂ€nkt hat, der sieht in den verkrustet-zusammengekniffenen Katzenaugen vermutlich nicht unbedingt den Aufruf, ihr zu helfen. Allerhöchstens mit dem Gewehr versteht sich. Die Tierfleischproduktion einerseits, die Haustierhaltung andererseits, dazwischen das Nutztier und die Gesellschaftsschicht.

Und dann, so fĂŒgt Adrian hinzu, gibt es viele weitere Aspekte, die auch eine Rolle spielen. Das Kindchenschema und dass Kitty vermutlich kein Jahr alt ist, wird wohl nicht von der Hand zu weisen sein. Ich angle eins der wenigen StĂŒcke HĂŒhnerfleisch aus unserem Reisgericht und schiebe es mir nachdenklich in den Mund. Das Kindchenschema, da hat er wohl Recht, selbst das HĂŒhnchen da hat vermutlich einmal sĂŒĂŸ ausgesehen.

đŸŸ Panthapapers

Unter denjenigen GegenstĂ€nden in meinem GepĂ€ck, die wĂ€hrend den tausenden von Kilometern völlig nutzlos und unbenutzt blieben, findet sich ein Springseil. Belehrt durch die Erfahrungen vergangener Fahrradtouren habe ich die Sport-AusrĂŒstung sowieso klug auf ein Minimum reduziert. Die Gymnastik-Ringe etwa, die man an BrĂŒcken oder BĂ€umen aufhĂ€ngt, haben sich auf Reisen als dermaßen voluminös, schwer und und unhandlich erwiesen, dass sie diesmal nicht mit eingepackt wurden.

Eigentlich besteht mein Trainings-Equipment nur aus einem Paar Handschuhe, das es sehr viel leichter – weil weniger eklig – macht, unreine Böden zu berĂŒhren, z.B. fĂŒr LiegestĂŒtze. Und aus zwei Stretching-BĂ€ndern. Man stellt sich auf eines davon und zieht es mit den Armen nach oben. Das ist die ganze Übung. Langes Experimentieren mit den Produkten unterschiedlicher Hersteller hat ergeben, dass sie unabhĂ€ngig von Preis und Marke ziemlich genau ein Jahr halten, bis die Naht reißt und mir der verbindende Metallring ins Gesicht schnellt. Er trifft ĂŒbrigens immer. Daher – nur fĂŒr den Fall – sind eben zwei solcher BĂ€nder im GepĂ€ck.

Das Springseil jedoch ist eine neuere Idee. Ich wollte es wagen, ich hab es gewagt. Nun liegt es seit sechs Monaten unberĂŒhrt in den tieferen Regionen meiner Fahrradtasche. 

Heute aber ist der Tag der Tage. Lili ist mit Nietzsche beschÀftigt, ich befreie, ich entfessle das Seil, lass es schwingen, jauchzend hebt es hoch zum Himmel. Etwa zwei Minuten lang. Dann bin ich puderrot.

Besser, ich pack das mal wieder ein. Vielleicht irgendwie ein andermal, denk ich mir, wĂ€hrend ich es noch etwas weiter nach unten stopfe. “Die KlimmzĂŒge vermiss ich wirklich sehr”, sag ich zu Lili. “Vielleicht hĂ€tte ich doch die Gymnastik-Ringe einpa
” Lili rollt nur mit den Augen. Naja, dann halt LiegestĂŒtze, denk ich mir, und zieh’ die Handschuhe an. Die jedenfalls haben sich wirklich gelohnt.

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