
đŠ Ponypapers
Wir lassen den Daumen hĂŒbsch verkleidet in seinem Verband, so sieht er fĂŒr meinen Geschmack mit seinem Hang zum Zerbrochenen und Versehrten sowieso am besten aus. Weiter kann’s also gehen, kein Grund, in grĂ€ulichten StĂ€dten lĂ€nger als nötig zu verweilen. Dem Wetter und seiner momentanen WirkqualitĂ€ten eingedenk ist auch an diesem Tag nur ne Strecke von 30 km geplant. Kurz vorher gehen wir Kaffee trinken in einem kleinen Restaurantchen und suchen dann mit, Ă€hm, voll gefĂŒtterten Magen unser preisbewusstes Hostel auf.
Eine enge Treppe geht’s hoch. Hier tatsĂ€chlich Megawatt hoch bugsieren? Na erst mal schauen, was geht. Geht nicht viel, der Mann hinterm Tresen blickt uns an wie drei Tage Regenwetter und sagt, es sei kein Zimmer frei. Da habe ich aber etwas anderes gehört, ĂŒber Agoda lassen sich doch durchaus Zimmer buchen. Ich reiche ihm mein Handy mit der geöffneten Seite rĂŒber. Sein GesichtszĂŒge werden noch ne Spur finsterer, als er sagt, dann sollens wirs eben so buchen. Ich lĂ€chel: Ob wir erstmal das Zimmer sehen können? Missgelaunt greift er nach dem SchlĂŒssel fĂŒhrt uns ne enge Stiege entlang, öffnet ein kleines fensterloses Kabuff: âDa!â âVll etwas mit Fenster?â âNein.â Na, schön, jetzt kapituliere ich auch, wenn man uns so sehr nicht da haben möchte, dann eben nicht. Adrian ist mit schicksalsergebenen Gesichtsausdruck dem GesprĂ€chsverlauf gefolgt. âDu wolltest doch nicht wirklich hier bleiben?â Fragt er als wir drauĂen stehen. Ich zucke mit der Schulter âNaja, immerhin warâs gĂŒnstigâŠâ
Die nĂ€chste akzeptable Auswahl von Hostels ist 20 km entfernt. Wir schauen sie durch, ziemlich viel teures, ziemlich viel schlecht bewertetes, puh. Okay, streben wir erstmal was gĂŒnstiges an, schauen, ob’s geht und teurer geht ja immer.
So beziehen wir 20 km spĂ€ter das Hostel mit dem vielversprechenden Namen „Ambassadress“. Es ist richtig herrlich heruntergekommen. Die ehemals weiĂen WĂ€nde zieren abgeschabte graue Kritzelspruen, Streifen, der Putz blĂ€ttert sowieso ĂŒberall. Von den halb herausgefallen Steckdosen fĂŒhren Kabel kreuz und quer durchs Zimmer. Irgendwer hat ein Sortiment Haken in verschiedenen Höhen an die Wand geschlagen. Ein StĂŒck Lumpen hĂ€ngt vor dem Fenster und taucht den Raum in schummriges Halbdunkel. Keines der Bettlaken unserer zwei Betten ist auch nur annĂ€hernd sauber. Zwei gelbliche Flecken wie von Kaffee zieren das eine. Am anderen Bettrand ein kleiner, halb ausgewaschener Blutfleck. Es tut mir wirklich ein wenig leid, Adrian hierhin geschleppt zu haben. Aber wir waren auch wirklich fertig, als wir ankamen. Wollten einfach nur ein Zimmer und nachdem sich die Tresendame mit ihrem HĂŒftschaden die Treppe hochgekĂ€mpft hatte, um uns zunĂ€chst einen Raum ohne Fenster, ohne Ventilator, ohne Klimaanlage zu prĂ€sentieren, erschien uns unser groĂes, fensterbestĂŒcktes wie eine herrliche Oase voll versprochener Rettung. Nun sitzt Adrian auf dem Sessel, die Beine aufs Bett gelegt, Augenbrauen sorgenvoll nach oben gezogen. Ich wette, er inspiziert die Ecken und arbeitet an einem Schlachtplan fĂŒr den Fall eines nĂ€chtlichen Kakerlakenangriffs.
Mir gefÀllt eigentlich unser Zimmer immer besser. Ambassadress, das ist doch mal ein Name. Und die engen Flure, die Treppe, das heruntergekommene und prekÀre. Hier ein Schriftsteller sein, hier schreiben!
Ich sehe mich schon auf dem Fenstersims, eine Kippe in der Hand, blase eine Rauchwolke schrĂ€g aus dem leicht geöffneten Fenster. KĂŒhl blicke ich auf das belebte Treiben unten auf der StraĂe, eine Ratte lĂ€uft durchs Zimmer, die ich routiniert ignoriere. Ich drĂŒcke die Kippe aus, lasse mich auf den Schreibtischstuhl in der NĂ€he fallen und ziehe die Schreibmaschine etwas nĂ€her zu mir hin.
Ach, all die verklĂ€rten Existenzen, fĂŒr die man keine Zeit hat. Zeit bleibt nur fĂŒr ein paar Fotos fĂŒr Posen von Charakteren, Prototypen nie geschriebener Geschichten. Wer weiĂ?
đŸ Panthapapers
Butterworth heiĂt die Stadt, die wir heute ansteuern. Das klingt nicht nach einem realen Namen. Eher nach einer Person aus einem Dickens-Roman. âMisses Butterworth war eine höchst pekuliĂ€re Ă€ltere Dame mit blassem Teint, hĂ€ngenden Backen und grĂŒnen Augen, die oft trĂ€nten, wenn sie lachte.â Etwas in der Art. Aber sie ist real, wir fahren hindurch. Auch wenn sie nicht schön ist, leider, wie ĂŒberhaupt kaum etwas landschaftlich schön war in Nordwest-Festland-Malaysia bisher. Nur urbane Gebiete mit viel Verkehr und ohne Seitenstreifen, was das Fahrradfahren wirklich unangenehm macht. Man hatte uns gewarnt, hatte gesagt, das nördlich von Kuala Lumpur nichts Sehenswertes zu finden sei. Und man hatte recht. Butterworth ist nicht sehenswert. Besser, sie wĂ€re Fiktion geblieben.


