
🦄 Ponypapers
Für den Notfall, soll heißen allzu ablehnend wirkende Aufmerksamkeit, herabwürdigende Blicke, gemurmelte Beleidigungen oder die Möglichkeit, dass in meiner Nähe Malayen plötzlich Steine vom Boden aufsammeln, habe ich mir auf Langkawi eine Kopftuchmütze gekauft, in die ich bei Bedarf alle Haare hineinstopfen könnte. Bisher bin ich in Malaysia ohne sie ausgekommen, es ist ein recht internationales Land und die ordentliche Menge an weiblichen Chinesen sorgt dafür, dass hier genügend Haare wild und frei hängen. Also kein Grund, in vorauseilendem Gehorsam westliche Unterwerfungsbereitschaft zu signalisieren. Zudem werden wir sowieso angestarrt, Kopftuch hin oder her, denk ich.
Vietnam hat uns bereits ne ordentliche Ladung an Resistenz gegen Angestarrt-Werden verpasst. Und so sind wir es gewöhnt, dass 30 Köpfe gebannt unseren Bewegungen folgen, wenn wir angeradelt kommen, vom Fahrrad steigen, uns mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht wischen, nen ordentlichen Schluck aus den Wasserflaschen nehmen, die Helme abziehen und versuchen die angeklatschten Haare zu sortieren.
Wie katerzerstörte Rockstars akzeptieren wir, dass, obwohl nicht im präsentabelsten Zustand wir doch alle Aufmerksamkeit auf uns nehmen müssen, während unsere Blicke nur neutral den nächsten Tisch ausfindig machen. Wir lassen uns nieder, bestellen zu trinken und nachdem die Gläser wie bei jedem anderen auch ohne zu schweben auf dem Tisch aufgeklatscht sind, sinkt der Aufmerksamkeitspegel.
Und dann bekommen wir drei Bananen geschenkt. Wir bedanken uns artig, jeder greift nach einer Banane, beginnt sie zu schälen und wir beißen hinein. Dann gucken wir uns an, der erste grinst, der Andere erwidert und schon prusten wir los. Die Tränen rinnen über die Wangen, die Bäuche glucksen, mit dem Taschenklopapier trockne ich die Wangen und starre devot auf den Fußboden.
Kaum, dass ich den Kopf hebe, geht die nächste Lachsalve nieder, angestrengt versuchen wir, aneinander vorbei zu schauen, die Bananen zittern in unseren Händen, keine Chance, den Blicken zu entkommen. Grund unserer übermäßigen Erheiterung, jenseits von Ermüdung und Anstrengung, die Lachanfälllen so ausgiebig Nahrung geben, ist die Erinnerung an einen Verhaltenskodex für Vietnam. Jedes Land hat so seine Marotten, wertet naiv natürliches Verhalten eines anderen als extrem unhöflich, respektlos oder anzüglich. Für Vietnam hatten wir uns besonders gut vorbereitet, die Regeln also genau studiert. Wer in Vietnam Bananen isst “wie die Affen”, sie also an einem Ende schält, dann die Schalenenden schamlos runterhängen lässt, um ins andere Ende hinein zu beißen, gilt mindestens als unkultiviert im schlimmstenfalls als pervers. Wir haben schon lange keine Bananen mehr gehabt, aber wie wir uns so gegenübersitzen, mit unseren verschwitzt geröteten Gesichtern, wie Hochstapler-Schimpansen unseren eisgekühlten Kaffee trinken und jetzt als überführte Schwindler dasitzen und die Bananen wie die Affen essen, da kennen wir kein Halten mehr, die Lacher donnern durch den Raum. Halb schon liegen wir unter den Tischen. Die chinesischstämmige Lokalbevölkerung kann nur mit Staunen dieses Schauspiel betrachten. So haben sie sicherlich noch nie jemanden Bananen essen sehen.
🐾 Panthapapers
Gesundheit ist ein vulnerables Gut. Und eine mächtiger Hebel für die integrativen Kräfte der Gesellschaft. Kaum etwas anderes hat so viele Menschen von der Straße oder von den Abenteuern des Unternehmer-Daseins in eine spießige Vollzeitbeschäftigung überführt oder reiselustige Welterkunder wieder in die Heimat geholt wie die Aussicht auf eine kostengünstige Krankenversicherung in einem halbwegs vertrauten Versorgungssystem.
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, seid mich in den letzten Tagen leichte Zahnschmerzen beunruhigen. Die Dentalpraxen in diesen Ländern sind genauso aufgebaut wie unsere Friseursalons. Ein großes Schaufenster, dahinter sieht man den Arzt bei der Behandlung, während die nächsten Patienten am Rande sitzen und auf ihren Termin warten.
Ich habe ein komplexes Gebiss, teils lebendig, teils wurzelos und tot, teils aus Plastik, teils aus Keramik. Fragt mich nicht, wie ich das angestellt habe, aber es benötigt für seine angemessene Versorgung einen Spezialisten, einen Kenner und Könner, echte Hightech-Geräte und vom Arzt den aufrichtigen Wunsch, an Herausforderungen wachsen zu dürfen.
Nein, ich möchte mich bei allem Respekt eigentlich nicht in eine dieser Boutique-Praxen legen und mit aufgebogenem Mund in die fremde Sprache hinein dem malaysischen Doktore erläutern müssen, wo es weh tut. Bei Essensbestellungen bekommen wir oft genug etwas völlig anderes als erwartet. Ich fürchte, dass es mir bei den Zähnen ähnlich ergehen könnte.
Ich tue, was man in solchen Fällen eben tut. Ich hoffe auf das Beste, darauf, dass es sich um eine bloß vorübergehende kleine Zahnfleischentzündung handelt, töte währenddessen zehnmal täglich mit Mundwasser alle Bakterien ab und denke mit Glück, Dankbarkeit und Vorfreude an meinen Zahnarzt zu Hause. Ich bin sicher, so wird ihm selten gedacht. Aber, wie gesagt, Gesundheit ist ein vulnerables Gut. Auch die meine.